Keine Satire: Kriegsspiele im bayerischen Wald
Es klingt nach Politsatire. Doch das hier ist kein Scherz. Das idyllische Hohenfels liegt mitten in der Oberpfalz. Hier turnen mehrere Wochen im Jahr von der US-Army angeheuerte Freiwillige vermummt als muslimische Scheichs oder arabische Terroristen auf einem Truppenübungsplatz durch Geisterstädte im Wald. Irgendwann stehen sie einem amerikanischen Soldaten gegenüber. Die GIs proben für den Ernstfall, den Feindkontakt im Irak. Die deutschen Statisten nehmen 2000 Euro für drei Wochen Arbeit, einen Lagerkoller und manchmal einige Blessuren mit nach Hause. Danach sei man "körperlich und mental am Ende", bekennt der 27-jährige Student Florian. Einer von sechs Protagonisten in Teresina Moscatiellos staunenswerter Dokumentation "Weltverbesserer auf dem Schlachtfeld". Normalerweise lebt Florian in Berlin-Kreuzberg und freut sich am 1. Mai auf den jährlichen Kontakt mit der Staatsgewalt, doch einen Widerspruch zu seinem Broterwerb scheint er nicht zu sehen - schließlich spart er auf eine Gitarre. Der 31-jährige Bernhard wiederum ist gläubiger Christ, hat Schwerstbehinderte betreut und lebt mit Hund auf einem Bauernhof. Doch aussteigen kostet Geld. Außerdem kommen noch zwei Soldatenpaare zu Wort.
Überdeutlich ist zu sehen, wie heute bei einem fehlenden Wertekorsett die Haltungen individuell so zurechtgelegt werden, dass sie in die eigene Weltanschauung passen. Teresina Moscatiello hat sich für ihre Dokumentation Rat und Hilfe bei Andres Veiel ("Blackbox BRD") geholt. Von seinem unaufdringlichen Stil ist viel in den Film geflossen. Die Protagonisten entblößen sich unmittelbar in ihren Selbstaussagen. Zurück bleibt ein fassungsloser Zuschauer. Das Geld für den Film hat sich die Regisseurin übrigens bei den Amerikanern verdient - als Statistin!
>> Weltverbesserer auf dem Schlachtfeld Deutschland 2006, 86 Min, ab 12 J., R: Teresina Moscatiello; täglich außer So/Mo im Studio-Kino; www.sinafilm.de



100. Geburtstag
Axel Springer
Branchenbuch Hamburg



Das Rätsel des Tages




