INTERVIEW: Wahrhaftige Bilder
ALFONSO CUARONüber seinen Film "The Children Of Men", religiösen Fanatismus und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft
Wird die Welt in 20 Jahren in Trümmern liegen?
ALFONSO CUARON: Ich weiß es nicht - und ich will darüber auch gar nicht spekulieren. "The Children Of Men" ist aus meiner Sicht kein Science-Fiction, sondern ein Film über die Gegenwart. Ich habe viele der Probleme, die unser Leben heute bereits massiv beeinträchtigen, in einen Mikrokosmos - und zwar London in naher Zukunft - hineingepackt.
Niedrige Geburtenrate, Rassismus und Terrorismus: Haben Sie die Probleme von heute einfach weitergedacht und zugespitzt?
CUARON: Nein, ich musste nichts dramatisieren. Während Sie und ich uns hier unterhalten, geschieht irgendwo auf der Welt genau das, was im Film zu sehen ist. Vielleicht nicht sosehr in London oder Berlin, doch Unfruchtbarkeit, Umwelttragödien und auch die gleiche Intensität an Gewalt gibt es längst an den verschiedensten Orten.
Deshalb der dokumentarische Charakter Ihrer Bilder?
CUARON: Es war uns wichtig, wahrhaftige Momente zu schaffen. Diese Augenblicke sollte die Kamera ohne Effekthascherei festhalten. Mit meinem Kameramann Emmanuel Lubezki hatte ich zuvor schon "Y tu mama tambien - Lust For Life" gedreht, und wir wollten uns in "The Children Of Men" auf die gleiche, sehr direkte Art nähern. Wir wussten, dass es ein größerer Film werden würde, doch auch hier hat das soziale Umfeld denselben Stellenwert wie das menschliche Drama. Deshalb auch die Weite in den Bildern, die wenigen Zwischenschnitte und der Verzicht auf Nahaufnahmen.
In katastrophalen Zeiten flüchten viele Menschen in einen Glauben. Warum spielen bei Ihnen die Religionen als letzte Hoffnung keine Rolle mehr?
CUARON: Weil sie Teil des Problems sind! Der Fanatismus nimmt stetig zu, und Religionen werden immer extremer. Ideologien missbrauchen den spirituellen Glauben und schieben sich zwischen die Menschen. Kommunikation ist da kaum noch möglich. Ich sehe nicht, dass Religionen in der Lage sind, Brücken zwischen den Kulturen zu schlagen - sie stecken sie eher in Brand.
Der Glaube als Brandstifter?
CUARON: Wir müssen da strikt zwischen Glaube und Religion trennen. Wir können Institutionen und Ideologien für Katastrophen verantwortlich machen, aber nicht die spirituelle Essenz, also den Glauben. Wir Menschen haben das Privileg, zu den geistigen Lehren, die in der Humanität wurzeln, einen Zugang zu haben. Ursprünglich sollten Religionen dann entsprechende Wege aufzeigen - und ich glaube, dass es diese Wege auch gibt.



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