"Im Augenblick singen sie nur Hymnen ab"
Die indische Filmemacherin Deepa Mehta über "Water"
ABENDBLATT: Kinderheiraten sind seit langem illegal in Indien, aber die Situation erwachsener Witwen hat sich nicht sehr verbessert?
DEEPA MEHTA: Das stimmt. Einige Aktivistengruppen bemühen sich seit zehn Jahren, den Witwen Fähigkeiten beizubringen, die sie ökonomisch unabhängig machen. Im Augenblick singen sie nur Hymnen ab.
ABENDBLATT: Mit dem Film "Water" schließen Sie nach "Fire" (1996) und "Earth" (1998) Ihre Trilogie der Elemente ab. Ursprünglich wollten Sie ihn gleich nach "Earth" drehen. Wäre er dann anders ausgefallen?
MEHTA: Natürlich! Das Drehbuch ist geblieben, aber ich habe mich in diesen fünf Jahren verändert. Ich habe den Dialog zugunsten der Bilder auf die Hälfte reduziert.
ABENDBLATT: Waren Sie überrascht, als Sie 2000 die Dreharbeiten zu "Water" aufgrund von Protesten abbrechen mussten? Das Thema der Frauenliebe in "Fire" hatte ja auch schon Anstoß erregt.
MEHTA: Aber mit "Earth" gab es gar keine Probleme. In Indien braucht man für einen Film eine Genehmigung, die aufgrund des Drehbuches erteilt wird.
ABENDBLATT: Werden die abgelehnten Filme außerhalb von Indien gedreht, so wie Sie für "Water" nach Sri Lanka ausgewichen sind?
MEHTA: Unterschiedlich. Salman Rushdies "Midnight Children" sollte in Sri Lanka verfilmt werden. Eine Woche vor Drehbeginn wurde die Genehmigung widerrufen, es ist also nicht so einfach.
ABENDBLATT: Ändert sich die Situation in Indien?
MEHTA: Überall auf der Welt bewirken politische Ereignisse etwas. Für Indien waren dies die Unabhängigkeit und später der Krieg mit Pakistan. Momentan erlebt Indien einen ökonomischen Boom. Auf der anderen Seite beträgt der Durchschnittslohn der 400 Millionen erwerbstätigen Inder einen Dollar pro Tag. Wer profitiert also davon?
ABENDBLATT: Im Westen gibt es derzeit einen Boom des Bollywood-Kinos. Wie ist in Indien die Beziehung zwischen Bollywood-Kino und Kunstkino, zu dem "Water" zu zählen ist? John Abraham, Ihr männlicher Hauptdarsteller, hat ja bisher in Bollywood-Filmen Erfolge gefeiert.
MEHTA: Was Sie als Bollywood bezeichnen, ist in Indien einfach kommerzielles Kino, das immer florierte - lange bevor es vom Westen als Bollywood-Kino entdeckt wurde. Es ist Teil des alltäglichen Lebens. Als John Abraham die Hauptrolle in "Water" übernahm, war er noch kein Bollywood-Star. Er macht diesen Film auch nicht zu einem kommerziellen Film.
ABENDBLATT: Die Schauspieler arbeiten also sowohl im kommerziellen als auch im Kunstkino?
MEHTA: Das ist nicht anders als in Hollywood. Mit dem kommerziellen Kino verdienen die Schauspieler mehr Geld, aber das unabhängige Kino ist künstlerisch befriedigender.
ABENDBLATT: Sie kamen als 23-Jährige nach Kanada. Wie hat sich Ihre Beziehung zu den Kulturkreisen im Laufe der Jahre verändert?
MEHTA: Ich heiratete damals einen Kanadier und zog nach Kanada. Ich habe zwei Heimaten und bin sechs Monate im Jahr in Indien. Kanada hat eine gut funktionierende multikulturelle Politik. Es ist leicht, eine Indo-Kanadierin zu sein. Das ist anders als in den USA, wo von einem erwartet wird, zuallererst Amerikaner zu sein.



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