Sonntag, 27. Mai 2012, 08:38

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Kino

Ein Trickfilm für alle - mit Nancy-Faktor und furzenden Traktoren

Autofanatiker: "Cars"-Regisseur John Lasseter im LIVE-Interview

ABENDBLATT: In "Cars" kommen ausschließlich Autos vor, die sprechen können und sich wie Menschen verhalten. Ist diese Idee nicht etwas zu abgefahren?

JOHN LASSETER: Das meinte sogar meine Frau, als ich ihr davon erzählte, einen Film zu machen, in dem nur Autos vorkommen. Ein Auto ist für sie nicht mehr als ein Ding, mit dem man herumfährt. Ich hingegen bin der absolute Autofanatiker. Sie sagte jedenfalls, ich sollte darauf achten, dass sich "Cars" auch all jene ansehen können, die nicht so viel für Autos übrig haben.

ABENDBLATT: Wie ist Ihnen das gelungen?

LASSETER: Meine Frau heißt Nancy, und ihr zu Ehren nannten wir diese Rücksichtnahme gegenüber Nicht-Autofans den Nancy-Faktor. In jeder Phase des Films, von der Storyentwicklung über die Umsetzung bis zur Vermarktung, haben wir den Nancy-Faktor berücksichtigt. Irgendeiner mahnte immer: Wird Nancy das verstehen und toll finden?

ABENDBLATT: Trotzdem wollten Sie auch diejenigen erfreuen, die sich kein Formel-1-Rennen im Fernsehen entgehen lassen . . .

LASSETER: Genau! Wer sich mit Autorennen auskennt, wird unsere Liebe fürs Detail merken. Das haben wir vor allem Paul Newman zu verdanken, der privat ein leidenschaftlicher Rennfahrer ist und deshalb auch für die Stimme des Oldtimers Doc Hudson verpflichtet wurde. Ich fragte ihn regelrecht Löcher in den Bauch, und Paul hat sich nach seiner Synchronarbeit stets die zeit genommen, uns zu erzählen, wie sich Rennfahrer wirklich auf der Piste verhalten und wie sie miteinander reden. All das ist in den Film eingeflossen.

ABENDBLATT: Warum bezeichnen Sie "Cars" als Ihren persönlichsten Film?

LASSETER: Ich liebe Autos und wollte schon immer einen Film mit sprechenden Autos machen. Leider fehlte mir lange eine zündende Idee. Die kam erst, als ich von der Arbeit erschöpft feststellte, seit zehn Jahren keinen Urlaub gemacht zu haben. Also kaufte ich mir vor sechs Jahren ein gebrauchtes Wohnmobil und tingelte mit meiner Familie zwei Monate lang durch die Lande. In der Ruhe erkannte ich, dass man nicht immer auf der Überholspur fahren sollte und zu sich selbst kommen muss. Das Gleiche lernt auch Lightning McQueen, das Starauto in "Cars".

ABENDBLATT: Eine Botschaft, die für das kindliche Publikum allerdings weniger interessant sein dürfte . . .

LASSETER: Hey, für die Kids haben wir dafür die schreckhaften Traktoren, die jedes Mal, wenn sie umfallen, Furzgeräusche von sich geben. Darauf werden sie abfahren. Wir bei Pixar sind von jeher darauf aus, Filme für alle Altersgruppen zu machen. Für jeden ist etwas dabei. Und "Cars" macht da absolut keine Ausnahme.

ABENDBLATT: Lassen sich Kinder heutzutage wirklich noch mit Furzwitzen begeistern?

LASSETER: Sicherlich nicht, aber selbst ein Kind steht heute unter einem enormen Leistungs- und Zeitdruck. In der Schule stehen Prüfungen und Tests an, manche müssen sich dann auch noch in anderen Bereichen wie Sport und Kunst beweisen. Man hat das Gefühl, dass sich auf unserer Welt alles schneller abspielt. Man setzt sich ins Auto und will nur noch sein Ziel erreichen. Wie es links und rechts ausschaut, interessiert kaum noch jemanden. Das ist schade, und unser Film soll ermutigen, sich mal umzuschauen oder gar auszusteigen, um zu sehen, was das Leben sonst noch zu bieten hat.

ABENDBLATT: Sie sind vor Kurzem zum Chef der gesamten Trickfilmabteilung von Disney ernannt worden. Hecheln Sie jetzt nicht noch mehr der Uhr hinterher?

LASSETER: So schlimm ist es noch nicht. Eigentlich habe ich schon immer zwei Jobs ausgefüllt. Einerseits drehte ich als Regisseur meine eigenen Filme wie "Toy Story", "Das große Krabbeln" und "Cars", andererseits überwachte ich die kreativen Prozesse bei Filmen wie "Findet Nemo" und "Die Unglaublichen". Nichts anderes werde ich bei Disney tun.

ABENDBLATT: Sind Sie ein strenger Chef?

LASSETER: Es ist mir schon wichtig, den Mitarbeitern bei Disney die bewährte Firmenphilosophie von Pixar mitzugeben. Die Story und die Charaktere sind das Wichtigste. Funktionieren sie nicht, hat das ganze Projekt keinen Sinn. Ganz ehrlich, die technische Umsetzung ist Nebensache, obwohl wir auch darauf sehr viel Wert legen und mit jedem Film neue Maßstäbe setzen wollen.

ABENDBLATT: Ist Pixar wirklich eine Fun-Factory?

LASSETER: Absolut! Wir wollen Spaß bei der Arbeit und fühlen uns wie eine große Familie. Jeder vom Chef bis zur Empfangsdame darf seine Meinung sagen, alles fließt mit in den Ideenkatalog. Wir ziehen alle am gleichen Strang, und wer lieber auf Solonummern steht, verlässt die Firma von ganz allein, weil er merkt, er passt nicht zu uns. Es ist wie bei den Beatles. Etwas Magisches passiert, wenn wir alle zusammenkommen.

 

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