Wenn der Täter Opfer wird
"Hard Candy" ist ein verstörender Thriller, der mit Rollen spielt
In der Anonymität eines Chats im Web ist alles unverbindlich, ein Rollenspiel, bei dem der Gegenüber nicht weiß, ob man Wahres über sich sagt - wenn die Teilnehmer in der Realität aufeinandertreffen, kann es ein böses Erwachen geben: Stoff für Komödien oder Thriller. "Hard Candy" von Regisseur David Slade, der zuvor Werbung und Videoclips gemacht hat, fällt in die letztere Kategorie. Der Film ist ein in 18 Tagen gedrehtes Kammerspiel für zwei Darsteller, die den Zuschauer nicht mit ihren Namen anziehen, sondern mit der Intensität ihres Spiels.
Der Anfang verspricht zwar ein erotisches Geplänkel, aber die Tatsache, dass Hayley erst 14 ist, verleiht dem Film sogleich eine Ahnung des gefährlichen Territoriums, auf das sich seine Protagonisten begeben, wenn sie sich in einem Cafe zum ersten Mal gegenüberstehen. Hayleys Unsicherheit begegnet der 32 Jahre alte Fotograf Jeff mit extremer Selbstsicherheit, die schnell Züge des Gönnerhaften annimmt. Und wie er gleich einen Kuchenkrümel von ihrer Lippe wischt, das hat schon etwas Bedrohliches. Aber ist es nicht verständlich, dass er sich ermutigt fühlt, so wie sie miteinander gechattet haben? Und schließlich hat sie eingewilligt, ihn zu treffen!
Das alles stellt sich als Fassade heraus, wenn Jeff nach einem präparierten Drink in seinem Haus aus einer Ohnmacht erwacht: Jetzt ist Hayley nicht mehr das abenteuerlustige Girlie, sondern die inquisitorische Fragestellerin, die alles wissen will über seine Fotos und was er mit den Modellen macht. Und dann gibt es da noch das spurlos verschwundene Mädchen, dessen Steckbrief die Kamera bereits im Lokal erfasst hatte. Jeff hat offenbar keine saubere Weste, aber die Fotos, die das belegen, enthält der Film dem Zuschauer vor. Hayley stellt nicht nur Fragen, sie nimmt, mit äußerster Kaltblütigkeit, das Recht in die eigenen Hände - weshalb der Zuschauer sich fast zwangsläufig mit ihrem Opfer identifiziert. Auf jeden Fall muss er sich eine Meinung bilden. Das macht die verstörende Wirkung dieses Films aus, dessen Ende unversöhnlich ist.
Hard Candy USA 2004, 104 Min., ab 18 J., R: David Slade, D: Ellen Page, Patrick Wilson, Sandra Oh, tägl. außer Mo im Studio-Kino.




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