Sonntag, 27. Mai 2012, 08:37

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Kino

"Wir waren schon immer prüde und sind es leider noch heute"

Judi Dench über ihre Rolle und die Probleme der meisten Briten

ABENDBLATT: Dame Judi, hätten Sie sich getraut, nackt aufzutreten?

JUDI DENCH: Nennen Sie mich einfach Judi, das genügt. Ich bin doch schon nackt aufgetreten! Splitterfasernackt! Das ist fast 30 Jahre her, in "Langrishe Go Down" mit Jeremy Irons. Leider hat der Film es nie in die englischen Kinos geschafft. Das lag nur an dem lächerlichen Gerücht, ich sei schockiert, daß der Film in meiner Heimat gezeigt werde - so ein Unsinn! Ich wäre entzückt gewesen; ich sah damals nämlich noch richtig gut aus.

ABENDBLATT: In "Lady Henderson präsentiert" geht es um eine authentische Geschichte - Englands erste Nacktrevue, die Ende der 30er Jahre von einer verwitweten Aristokratin gegründet wurde. Wie kamen Sie zu dieser Rolle?

DENCH: Durch Bob Hoskins. Er hat den Film produziert und spielt auch den legendären Theatermanager Van Damme. Bob kam zum Mittagessen zu mir und erzählte die Geschichte. Ich habe noch vor der Vorspeise ja gesagt.

ABENDBLATT: Was hat Sie so schnell überzeugt?

DENCH: Na, Bob Hoskins und Regisseur Stephen Frears, mit dem ich schon zwei Filme gedreht habe. Vor allem aber lag es an der Figur - so eine Rolle läuft einem nur einmal im Leben über den Weg.

ABENDBLATT: Das sagen Sie, die schon jede Traumrolle am Theater gespielt hat?

DENCH: Ja. Der Film ist komisch, lebensbejahend und traurig zugleich. Ich bin auch Witwe und kann die Rastlosigkeit der Lady verstehen. Das Windmill Theatre wird zu einer neuen Familie. Ich habe eine Tochter und einen Enkel, trotzdem ist mein Leben eng mit den Menschen verknüpft, mit denen ich arbeite.

ABENDBLATT: Lady Henderson hat die Zensur in die Knie gezwungen. Hat sie damit zur Liberalisierung der Gesellschaft beigetragen?

DENCH: Unbedingt. Lady Henderson kannte den damaligen Kämmerer, Lord Chamberlain, seit dessen Kindheit und nannte ihn beharrlich den "kleinen Tommy". Dank ihrer Zugehörigkeit zu Englands Adel und ihrer Dickköpfigkeit hat sie durchgesetzt, daß Frauen nackt auftreten durften. Als ich selbst Ende der 50er Jahre zum Theater kam, war Lord Chamberlain immer noch allgegenwärtig und hat jedes Stück kontrolliert. Da wurden ganze Sätze gestrichen. Insofern ist es schade, daß die Lady sich nicht noch stärker eingemischt hat.

ABENDBLATT: Es ging um Nacktheit. Sind Engländer prüde?

DENCH: Wir waren schon immer prüde und sind es leider noch heute. Wir müssen noch lernen, das abzulegen. Fast jeder hat zum Beispiel nach diesem Dreh zu mir gesagt: "Waaas, du hast Bob Hoskins nackt gesehen?"

ABENDBLATT: Haben Sie in der Szene, in der Hoskins sich auszieht, weggeschaut?

DENCH: Aber nein! Die Männer am Set konnten sich die ganze Zeit nackte Mädels anschauen. Daß Bob in einer Szene splitterfasernackt dastand, war doch himmlisch. Das hatte ich mir redlich verdient.

ABENDBLATT: Sie sind eine Ikone des britischen Kinos. Ist Ihnen das bewußt?

DENCH: Irgendwie hört sich das unanständig an, wie eine unheilvolle Macht - Ikone des britischen Kinos. Nein, diese Zuordnung gefällt mir nicht. Ich bin nur eine Schauspielerin, die viel Glück hatte und eine Menge Rollen bekam.

ABENDBLATT: Besonders bekannt sind Sie als Boss von Bond, die unerbittliche M. Gerade haben Sie "Casino Royale" abgedreht. Was hat Sie 1995 bei "Goldeneye" dazu bewogen, ja zu 007 zu sagen?

DENCH: Na, hören Sie mal! Zuallererst hat es mir extrem geschmeichelt, daß ich so ein Angebot bekam. Zum anderen fand mein Mann es einfach unwiderstehlich, daß er fortan mit einer Bond-Frau zusammenleben würde. Denn das bin ich ja - kein Bond-Girl, sondern eine Bond-Woman. Ist das nicht herrlich albern?

 

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