"Hollywood? Meine Freiheit ist mir heilig"
Isabel Coixets Drama "Das geheime Leben der Worte" läuft im 3001 und im Holi. Ein Gespräch mit der spanischen Regisseurin
ABENDBLATT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Wunden eines Krieges zu zeigen?
COIXET: Ich habe vor drei Jahren einen Dokumentarfilm über Kriegsopfer gedreht und dabei die dänische Neurologin Inge Genefke, Gründerin des IRCT (International Rehabilitation Council for Torture Victims) kennengelernt, eine unermüdliche Kämpferin gegen Folter in der Welt. Ich mag Menschen wie sie, die noch daran glauben, die Welt verändern zu können. Inge ist so ein Mensch, sie kämpft gegen die Folter und schafft Therapiemöglichkeiten für die Opfer. Sie hat mich nach Sarajewo, nach Dubrovnik und nach Mostar geschickt. Dort habe ich in drei Monaten fast 100 Frauen unterschiedlicher Religion interviewt, die in Konzentrationslagern waren. Ich kann kaum sagen, wie machtvoll diese Erfahrung war. Ich kann diese schöne und humorvolle Frau aus Dubrovnik nicht vergessen: Sie hatte in der Innenseite ihrer Hände keine Haut mehr. Wie ihre Schwester mir sagte, wäscht sie sich jeden Tag 80mal, weil sie sich dreckig fühlt.
ABENDBLATT: Fühlen Sie sich moralisch verpflichtet?
COIXET: Als im Balkan Krieg war, arbeitete ich in Italien an Werbeclips für Swatch. Und jedes Mal am Flughafen sah ich auf der Anzeigetafel den Flug nach Sarajewo und fragte mich: Warum gehe ich nicht dahin, um mit meinen Mitteln etwas zu tun? Ich habe mich nicht gerührt - wie viele andere auch. Als Filmemacher will ich aber nicht weiter blutige Bilder des Terrors zeigen, denn man gewöhnt sich daran, sondern eine Geschichte erzählen, die Menschen vielleicht zum Nachdenken bringen kann. Vor allem weiß ich, daß die gefolterten und vergewaltigten Frauen aus Ex-Jugoslawien eine gewisse Form der Anerkennung brauchen. Denn sie haben oft das Gefühl, sie seien schuld an ihrem Schicksal.
ABENDBLATT: War Ihnen schon früh klar, daß Sie wieder mit Sarah Polley arbeiten würden?
COIXET: Ja, nach der letzten Vorstellung von "Mein Leben ohne mich" auf dem Filmfestival von Toronto habe ich ihr versprochen, wieder mit ihr zu drehen. Sie wollte mir nicht glauben, aber jetzt habe ich mein Versprechen gehalten. Ich habe diese Rolle extra für sie geschrieben, denn Sarah ist die einzige, die sie ohne Pathos spielen kann und keine Starallüren hat. Sie ist eine starke Persönlichkeit - nicht wie viele andere Schauspielerinnen, die aus einem guten Friseur und ein Gucci-Täschchen zu bestehen scheinen. Ich will mit Schauspielern arbeiten, nicht mit Models - niemand muß perfekt aussehen. Sarah ist so menschlich, daher kann sie dieses Kriegsopfer auch so voller Schmerz und Wahrhaftigkeit spielen. Sie ist die beste Schauspielerin ihrer Generation.
ABENDBLATT: Arbeiten Sie mit Schauspielern wie Sarah Polley oder Tim Robbins, mit denen Sie auch außerhalb des Kinos ein ähnliches politisches Engagement verbindet?
COIXET: Ja, aber mir geht es auch auf den Geist, wenn Tim Robbins immer nur zu politischen Themen befragt wird. Er ist einfach gut informiert und weiß, wovon er spricht. Ich verbringe auch vor den Dreharbeiten viel Zeit mit meinen Schauspielern - da ist es besser, wenn man sich etwas zu sagen hat.
ABENDBLATT: Reizt Sie Hollywood?
COIXET: Warum soll ich mir von einem Diplom-BWLer aus Stanford sagen lasse, wie ich meinen Film zu drehen habe? Das ist mir zu öde. Ich will meine Schauspieler und meine Musik selber aussuchen. Meine Freiheit ist mir heilig.



100. Geburtstag
Axel Springer
Branchenbuch Hamburg



Das Rätsel des Tages




