Nicht die gleiche Wellenlänge, aber: "Als Komiker sind Berlusconi und ich Kollegen"
Wie Roberto Benigni sich, seinen Film und sein Heimatland sieht
ABENDBLATT: Wie in "Das Leben ist schön" verdrängt der Held Ihres neuen Films die Realität und will eine Frau aus Liebe retten . . .
ROBERTO BENIGNI: Natürlich ähneln sich die Filme. Schließlich ist derselbe Regisseur und Drehbuchautor im Spiel. Die Filme bilden jetzt eine Art Duo, denn ich wollte den mit "Das Leben ist schön" begonnenen Weg zu Ende führen. Die beiden Filme haben dieselbe Struktur, aber sie sind trotzdem verschieden. Ich versuche, vom Schrecken des Irak-Kriegs zu erzählen, der natürlich nicht mit der Shoah vergleichbar ist. Dieser Film war schwierig, da wir noch keinen Abstand zum Irak-Krieg haben und ihn nicht einordnen können. Ich kann Witze machen über Christen, die vor 2000 Jahren im Colosseum von Löwen gefressen wurden, aber wie kann man über ein schreckliches Ereignis von gestern lachen? Mutige Komiker sollten sich auf neue, schwierige Gebiete wagen und sich nicht bloß über die Dinge unseres Alltags lustig machen.
ABENDBLATT: Wie persönlich drücken Sie in einem Film wie "Der Tiger und der Schnee" Ihre Sicht auf Beziehungen und die uns umgebende Realität aus?
BENIGNI: Ich will keine Ereignisse politisch kommentieren. Daher wollte ich nicht direkt die Tragödie und den Krieg im Irak ins Zentrum rücken, sondern eine Liebesgeschichte. Ich will keine Thesenfilme zu schwerwiegenden Themen machen, sondern Geschichten erzählen. Mein Film ist kein ideologisches Pamphlet, sondern appelliert an unser Herz und kämpft auf indirekte Weise gegen den Krieg. Mein Held ist leidenschaftlich, denn Krieg entsteht nicht nur durch Bush, Saddam, Bin Laden und den Kampf ums Öl - er ist seit ewigen Zeiten eine Art Leidenschaft der Menschen. Und wir müssen uns in unserem Herzen fragen, was uns so kriegerisch macht.
ABENDBLATT: Welche Vor- und Nachteile hat es, mit seiner Frau zu drehen?
BENIGNI: Nur Vorteile! Wir kennen uns jetzt schon seit 25 Jahren. Ich mache Komödien, und die Seele der Komödie ist weiblich. Wer interessiert sich schon für Männer? Die Frau dagegen ist die letzte Schöpfung Gottes und die Wiege der Kreativität. Daher liegen wir ihr zu Füßen!
ABENDBLATT: Warum kommunizieren Sie am liebsten in langen Monologen?
BENIGNI: Für mich sind als Schauspieler und Komiker Worte einfach unglaublich wichtig. Durch sie kann ich meine Gefühle eben am besten ausdrücken - auch wenn ich dabei dann meinen Körper nicht zur Ruhe kommen lassen kann.
ABENDBLATT: Spielen Sie in "Der Tiger und der Schnee" einen Lebensretter aus Liebe oder einen barmherzigen Samariter?
BENIGNI: Ich hasse Ideologien. Die "Religion", das einzige Dogma dieses Films ist, das Leben zu lieben. Gott hat uns eben nur eins gegeben - das Leben! Ich finde, daß wir das Gefühl für das Wunder unserer Existenz aus den Augen verloren haben. Ist es denn nicht unglaublich, daß wir hier sind? Wer in der Bibel das Leben eines Menschen rettet, rettet das ganze Universum. Und dieser persönliche Krieg ist größer und stärker als das, was etwa im Irak passiert. Wenn Attilio drinnen Jagd auf eine lästige Fliege macht und draußen die Amerikaner in ihren Panzern sitzen - dann sind das ganz verschiedene Kriege. Der eine ist real, der andere eine unverständliche Dummheit.
ABENDBLATT: Schreien Sie im Film auf den Straßen Bagdads "Ich bin Italiener!", um sich von der amerikafreundlichen Irak-Politik Ihres Landsmanns Silvio Berlusconis abzugrenzen?
BENIGNI: Nein, meine Figur weiß sich einfach nicht anders zu helfen, wenn sie in Schwierigkeiten gerät.
ABENDBLATT: Was hält der Cavaliere von Ihrem Film?
BENIGNI: Ich glaube kaum, daß der ins Kino geht. Berlusconi und ich liegen nicht gerade auf einer Wellenlänge - obwohl wir als Komiker eigentlich Kollegen sind.
ABENDBLATT: Würden Sie eine ähnliche Tragikomödie über die italienischen Verhältnisse drehen?
BENIGNI: Wir haben zwar Berlusconi, aber unser Land ist trotzdem noch ein Genuß und eine Freude. Wir sind frei und können uns auch über unsere politischen Führer lustig machen. Leider ist Berlusconi kein echter Held wie Citizen Kane, sondern ein lächerlicher Clown. Daraus läßt sich keine gute Komödie oder Tragödie machen - sein ganzes Auftreten ist bloß eine schlechte Farce.
ABENDBLATT: Was wünschen Sie sich für die anstehenden Wahlen?
BENIGNI: Prodi hat ein gutes Programm, auch wenn er nicht so eloquent ist wie Berlusconi, der begnadete Selbstdarsteller. Ich hoffe, daß er trotz seiner Medienpräsenz diesmal nicht gewinnen wird.



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