Neues Leben in der Platte
"Nachbarinnen" von Franziska Meletzky berichtet behutsam von einer etwas anderen Alltagsgeschichte
Dora hat ihr Leben im Griff. Als Paketzustellerin versieht sie ihren Dienst in einer Vorortsiedlung von Leipzig; nach Dienstschluß verkriecht sie sich in ihrer Plattenbauwohnung. Ihr Mann hat sie vor einiger Zeit verlassen, aber ein Kopfkissen mit den Konterfeis der lächelnden Ehepartner darauf schmückt noch das Doppelbett im Schlafzimmer.
In Doras resoluter Nüchternheit steckt allerdings ein gutes Maß an Verdrängung, ein Stück nicht gelebtes Leben. Das wird dem Zuschauer schon klar, bevor Dora vorführt, wie ein Wutausbruch bei ihr aussieht: Aus dem Küchenschrank nimmt sie drei nicht benötigte Gläser, wickelt sie in eine Plastiktüte, die sie dann in einen Stoffsack steckt und im Ausguß zerdeppert. Die Scherben lassen sich anschließend problemlos im Mülleimer beseitigen. Kein Zweifel, Dora hat ihre Gefühle unter Kontrolle.
Jedenfalls so lange, bis eines Nachts ihre Nachbarin Jola vor ihrer Tür steht. Die erzählt, sie habe gerade ihren Chef Bernd, der im Haus eine kleine Kneipe betreibt, mit dessen eigenem Revolver in Notwehr erschossen, als der sie des Diebstahls verdächtigte. Unwillig gewährt Dora der Polin Unterkunft. Eine Unwilligkeit, die bestärkt wird, als Jola sie ausfragt und damit Dinge aufwühlt, die Dora bisher mehr oder wenig erfolgreich verdrängt hatte.
Der erprobten Geschichte von der Begegnung mit jemandem, der die erstarrten Lebensverhältnisse in Bewegung bringt, gewinnt "Nachbarinnen" neue Aspekte ab. Geschickt arbeitet der Film mit den Suspense-Momenten, die sich aus Jolas vermeintlicher Schuld und dem Gewissenszwiespalt für Dora ergeben, und bringt Bewegung in das Verhältnis der beiden, als Dora schließlich Jola mit Lügen zum Bleiben bewegt.
Als Dora kann Dagmar Manzel endlich wieder einmal an ihre großen Rollen zu DDR-Zeiten anknüpfen und ihr Talent unter Beweis stellen. Mit ihrem Abschlußfilm an der Potsdamer Filmhochschule HFF beweist Regisseurin Franziska Meletzky (zusammen mit Drehbuchautorin Elke Rössler), daß es ein neues deutsches Kino der behutsam erzählten Alltagsgeschichten gibt.
Nachbarinnen Deutschland 2004, 92 Minuten, ohne Altersbeschränkung, R: Franziska Meletzky, D: Dagmar Manzel, Grazyna Szapolowska, Jörg Schüttauf, täglich im Studio; Infos im Internet unter www.salzgeber.de



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