Aus einer Liebesgeschichte wird die Vision einer düsteren Zukunft
Michael Winterbottom über Architektur, Tim Robbins und Filmmusik
ABENDBLATT: Wie in Ihrem Film "9 Songs", den Sie nach "Code 46" drehten, spielt das Thema der Erinnerung auch hier eine große Rolle.
MICHAEL WINTERBOTTOM: Beide Male haben wir es mit einem Liebespaar zu tun, wobei es hier nur eine Person ist, die die andere liebt - ihre Seite der Geschichte lernen wir nicht kennen. Beide Geschichten sind als Rückblenden erzählt und vermitteln ein nostalgisches Gefühl gegenüber einer Zeit, die vorüber ist - Liebeslieder können das meist besser ausdrücken als Filme.
ABENDBLATT: Für Sie ist populäre Musik offenbar ein wichtiger Teil Ihrer Erinnerung: Die Songs, die Sie hier verwenden (Titel wie "Should I Stay or Should I Go" oder "No Woman, No Cry") dürften zumindest bei Zuschauern einer bestimmten Altersgruppe Erinnerungen auslösen.
WINTERBOTTOM: "Should I Stay . . ." ist einfach ein toller Song und einer meiner Favoriten. Es ging aber weniger darum, einen Song aus meiner Kindheit zu nehmen, als die Energie, die sich mit diesem Titel verknüpft, zu zeigen - einen Song, der seinen Stellenwert in der Geschichte hat und bei dem wir auch noch den originalen Sänger, Mick Jones von The Clash, auftreten lassen konnten.
ABENDBLATT: "Code 46" erzählt eine recht komplexe Geschichte, die Bezüge zu ganz verschiedenen Genres aufweist. Was war Ihr Ausgangspunkt?
WINTERBOTTOM: Der Autor Frank Cottrell Boyce und ich haben ja eine lange Tradition der Zusammenarbeit. Wir tauschen fortwährend Ideen aus. Soweit ich mich erinnere, stand hier am Anfang eine einfache Liebesgeschichte, daraus entwickelte sich dann die Idee, sie in der nahen Zukunft anzusiedeln. Da wir damals gerade "In This World" drehten, flossen viele der sozialen Probleme, um die es dort ging, mit in das Drehbuch für "Code 46" ein: das Ausschließen bestimmter Gruppen aus der Gesellschaft oder die zunehmende Bedeutung von Reisepapieren und Sozialversicherung.
ABENDBLATT: Der futuristische Look des Films ist höchst eindrucksvoll, um so mehr, wenn man bedenkt, daß Sie dabei weitgehend auf vorhandene Bauten zurückgegriffen haben. Computereffekte waren nicht so wichtig?
WINTERBOTTOM: Das stimmt, CGI haben wir eher verwendet, um kleine Korrekturen vorzunehmen, etwa Verkehrsströme zu reduzieren. Das Chaos der realen Welt im Studio nachzuempfinden, wäre sicher steril geraten. Wir fanden, das Drehen an realen Orten wie etwa Shanghai zeige sehr viel größere Wirkung. Dadurch ist der Film auch viel mehr verbunden mit unserer jetzigen Welt. Wenn Sie sich heute umsehen, bemerken Sie, wieviel noch genauso aussieht wie vor mehreren Jahrzehnten. Das haben wir in die Zukunft verlängert. Shanghai liebe ich einfach, weil es ein Ort ist, wo es sehr moderne Viertel, aber auch sehr altertümliche gibt. Aber auch deshalb, weil sich hier Veränderungen mit erhöhter Geschwindigkeit zutragen.
ABENDBLATT: Wie kam Ihr amerikanischer Star, Tim Robbins, mit Ihrer Arbeitsweise zurecht?
WINTERBOTTOM: Tim bevorzugt eine sehr organisierte Arbeitsweise, er will immer gut vorbereitet sein - ich selber reagiere eher auf Gegebenheiten am Drehort, die entsprechende Änderungen sinnvoll erscheinen lassen. Wir haben jede Szene erst einmal durchgedreht, dann habe ich ihn gefragt, ob er es noch einmal anders machten möchte. Da wir mit der Handkamera arbeiteten, waren wir flexibel. Für ihn war das sicherlich eine bereichernde Erfahrung - auch als einziger Amerikaner mit 20 Briten zu arbeiten.



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