Schmerzhaft liebenswerte Wucht
Ein bitterböser Thriller aus Österreich nach Wolf Haas: "Silentium"
Als Gottfried Dornhelm vom Mönchsberg - mit Blick auf die romantische Salzburger Altstadt - in die Tiefe stürzt, hat Brenner wieder einen Job. Lange war er, von üblen Kopfschmerzen geplagt, ohne Geld, ohne Wohnung, ohne Frau. Jetzt aber tritt Dornhelms Witwe, schön und elegant, auf den Plan und beauftragt Brenner, den Tod ihres Mannes genauer unter die Lupe zu nehmen. Denn der offiziellen Lesart "Selbstmord" will die Tochter des Salzburger Festspiele-Präsidenten nicht glauben. Schließlich hatte ihr Gatte kurz zuvor öffentlich über seine frühen Jahre im Knabenkonvikt "Marianum" geplaudert: Sein Erzieher, der jetzige Herr Erzbischof, soll damals beim Duschen zu recht eigenwilligen pädagogischen Maßnahmen gegriffen haben. Da möcht' man heut' halt lieber den Mantel des Schweigens drüber decken . . .
"Silentium" heißt denn auch dieser rabenschwarze Kriminalfilm aus Österreich, der auf dem gleichnamigen Roman von Wolf Haas beruht. Regie führt wie schon in der Haas-Verfilmung "Komm, süßer Tod" Wolfgang Murnberger, den Privatdetektiv Brenner spielt Josef Hader. Und wie er das macht: Dieser grantelnden und desillusionierten, auf tragikomische Weise widersprüchlichen Figur aus Haas' sechs Kriminalromanen verleiht Hader eine charakterliche Wucht, die sie schmerzhaft liebenswert werden läßt.
Schmerzhaft ist auch so einiges, was der Film zeigt. Der mal groteske, mal derbe Humor enthüllt so manch brutalen Kern. Der Reigen der Figuren in dieser knallharten Krimikomödie, die Murnberger als Thriller inszeniert, ist von erlesener Skurrilität: Joachim Krol mimt in diabolisch verklärter Demut einen sozial engagierten Pater, Jürgen Tarrach als Opernsänger praktiziert exzentrische Formen der Stimmenpflege, und in einem kurzen Gastauftritt gestikuliert sich Christoph Schlingensief als Opernregisseur selbstironisch durch die Szene.
Und im Knabenkonvikt? Da schweigen sie, weil alles so peinlich ist und skandalös, was einst passiert sein soll. Was nicht sein darf, das nicht sein kann. Glaubt der Brenner nicht und schleppt als komischer Christus ein mannsgroßes hölzernes Kreuz durchs Konvikt. Auf der Treppe stürzt er, und das schwergewichtige Glaubenssymbol begräbt den Suchenden unter sich. Ist halt bitterbös' und zynisch, dieser staunenswerte Film, der gegen Kirche, Staat und Festspiele wettert, daß es nur so kracht. Und was manchmal auf der Leinwand ein wenig übertrieben wirken mag, das hat die Realität längst eingeholt: Der Skandal um Kinderpornos im Priesterseminar von St. Pölten wirkt, als sei man dort nach Kräften bemüht gewesen, "Silentium" nachzuspielen.
"Jetzt ist schon wieder was passiert" heißt es zu Anfang des Film und der Kriminalromane von Wolf Haas. Und das ist höchst unterhaltsam. Man muß sich nur einhören ins Wienerische.
Silentium Österreich 2004, 110 Min., ab 16 Jahren, R: Wolfgang Murnberger, D: Josef Hader, Joachim Krol, Udo Samel, Jürgen Tarrach, Maria Köstlinger, Simon Schwarz, tägl. im Abaton, UCI Othmarschen-Park; Internet: www.silentium-derfilm.de




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