Sonntag, 27. Mai 2012, 08:37

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Kino

Realismus, der eher schockiert als aufrüttelt

"Die Grauzone" zeigt das Leben in einem Konzentrationslager in brutalen Bildern, die nichts verbergen

Wie das Grauen der Konzentrationslager abbilden? Kann es überhaupt ein filmisches Äquivalent geben zu dem Leid, das die Menschen in Auschwitz ertragen mußten? Wird es durch eine filmische Dramatisierung nicht banalisiert? Claude Lanzmann hatte diese Fragen in seiner mehrteiligen Doku-mentation "Shoah", die zur Zeit wieder im Fernsehen läuft, auf seine Weise beantwortet: Er ließ die Überlebenden berichten und verweigerte sich konsequent einer narrativen Erzählung.

Tim Blake Nelson ist nun einen anderen Weg gegangen. Er erspart dem Zuschauer nichts: Erniedrigungen, Folterungen, Erschießungen, Gaskammern, Leichenberge, Krematorien, Massengräber. Hier ist nichts mehr angedeutet, hier meinen die Bilder das, was sie zeigen. Ein Realismus, der eher schockiert als aufrüttelt. Basierend auf dem Buch "Jenseits der Menschlichkeit" des rumänischen Pathologen Miklos Nyiszli, das Nelson bereits zu einem Theaterstück umgearbeitet hatte, erzählt "Die Grauzone" eine wahre Begebenheit. Im Mittelpunkt: eine Gruppe ungarischer Juden, die im KZ Auschwitz-Birkenau als 12. Sonderkommando den Nazis bei der Vergasung und Verbrennung der Inhaftierten helfen und damit einen Aufschub ihrer eigenen Exekution um vier Monate erwirkten. Derart in Gewissensnot geraten, planen sie einen bewaffneten Aufstand. Dabei behilflich: weibliche Lagerinsassen, die bei der Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik Schießpulver mitgehen lassen. Doch dann finden die Männer unter den Körpern vergaster Menschen ein noch lebendes Mädchen und verstecken es. Eine zusätzliche Last, die den Plan gefährdet.

Nelson hat, ähnlich wie Volker Schlöndorff in "Der neunte Tag", fast die gesamte Farbe aus den Bildern genommen, verweigert mit unruhiger Handkamera alles Pittoreske. Nüchtern und beklemmend beschreibt der Regisseur den Gewissenkonflikt und den Überlebensdrang der Inhaftierten. Sie haben sich auf einen Handel mit dem Teufel eingelassen. Und sind doch dem Tod geweiht.

Die Grauzone USA 2001, 108 Min., ab 16 J., R: Tim Blake Nelson, D: David Arquette, Daniel Benzali, David Chandler, Steve Buscemi, Harvey Keitel, täglich im Abaton, 3001; Infos im Internet: www.grauzone-derfilm.deMICHAEL RANZE

 

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