Dienstag, 14. Februar 2012, 15:26

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Kino

Karussell aus Sex und Lügen, Sucht und Sehnsucht

Altmeister Mike Nichols drehte mit "Hautnah" ein intensives Beziehungsdrama

Wieviel Wahrheit verträgt eine Beziehung? Was ist der Unterschied zwischen Beziehung und Liebe? Ist Betrug verzeihlich? Wo verläuft die Grenze zwischen Verzeihen, Verschmerzen und Vergessen? Lohnt es sich, so etwas wie Glück zu suchen? Gibt es Liebe auf den ersten Blick? Auf die letzte Frage liefert der Film "Hautnah" die wohl niederschmetterndste Antwort: Wenn es sie gibt, die Liebe auf den ersten Blick, dann wirst du niemals aufhören zu suchen . . .

In Patrick Marbers "Hautnah", nach seinem gleichnamigen Theaterstück, sind es vier junge, unabhängige Menschen, die auf der Suche sind. Anfangs nach Glück, vielleicht sogar nach Liebe, sicher nach Nähe, zumeist aber allein nach Bestätigung. Ein Karussell der Begehrlichkeiten, das durch zahlreiche Zufälle in Fahrt gerät: Dan (Jude Law), Nachruf-Schreiber mit literarischen Ambitionen, verliebt sich in die kleine Herumtreiberin Alice (Natalie Portman), bis er die Fotografin Anna (Julia Roberts) trifft und mit ihr eine Affäre beginnt. Versehentlich verkuppelt er Anna zeitgleich mit dem arroganten Arzt Larry (Clive Owen), den sie schließlich heiratet.

Wo andere Filme nun bald ihr Happy End fänden, löst sich in dieser Konstellation nicht in Wohlgefallen auf. Im Gegenteil fordert Regisseur Mike Nichols, der Marbers Quartett für die Leinwand inszenierte und dafür auch durch seine legendäre Ehedrama-Verfilmung "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" die beste Wahl war, den Zuschauer heraus, seine Überzeugungen und romantischen Ideen immer wieder neu überprüfen.

Vier Wochen haben die Schauspieler miteinander geprobt, bevor die Dreharbeiten begannen. Eine weise Entscheidung, denn in "Hautnah" geht es weder um spektakuläre Kamerafahrten noch um aufwendige Kostüme, es geht allein um die Figuren und ihre Machtspielchen und Demütigungen, um Sex und Lügen, um Sucht und Sehnsucht. Liebe wird ersetzt durch Begierde und Besitzanspruch. Daß dieses Kammerspiel nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Kino funktioniert, ist der kompromißlosen Intensität der Darsteller und ihrem (auch theater-) erfahrenen Regisseur zu verdanken. Vor allem die erst 23jährige Natalie Portman hat eine bemerkenswerte Kamerapräsenz, balanciert gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen zarter Verletzlichkeit und kühner Souveränität. Clive Owen zeigt erschreckend glaubhafte emotionale Brutalität. Es ist, als würde die Kamera in jeder Szene auf ein Experimentierlabor gehalten, in dem Menschenversuche zu beobachten sind. Verstörend in ihrer Schonungslosigkeit und dabei doch immer distanzierten Kälte, zu der auch die scheinbare (äußerliche und/oder berufliche) Perfektion der Protagonisten und des gestylten Sets beiträgt.

"Hautnah" führt die Unberechenbarkeit der Emotion vor - und ist somit in letzter Konsequenz eine Aufforderung, den Glauben an die Liebe zu vergessen und allein auf den Verstand zu hören. Das darf einfach nicht richtig sein. Ist aber leider sehr überzeugend gelungen.

Hautnah USA 2004, 104 Minuten, ab 12 Jahren, R: Mike Nichols, D: Julia Roberts, Natalie Portman, Jude Law, Clive Owen, täglich im Blankeneser, Cinemaxx, Cinemaxx Harburg, Cinemaxx Wandsbek, Grindel (OF), Hansa-Studio, UCI Mundsburg, UCI Othmarschen-Park, UCI Smart-City, UFA-Palast; Internet: www.hautnah-derfilm.deMAIKE SCHILLER

 

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