Sinnsuche bei minus 30 Grad
Flamenco im hohen Norden: Mit 101 Reykjavik hat Regisseur Baltasar Kormákur einen lässigen und unkonventionellen Film made in Island gedreht
In Reykjavik ist es nicht nur kühl, sondern vor allem cool. Björk wuchs dort auf, David Bowie schwärmt von der Inselhauptstadt in den höchsten Tönen, und Damon Albarn hat eben da eine Bar eröffnet. Jetzt hat der Blur-Sänger dem Lebensgefühl seiner Lieblingsstadt auch die passende Musik gegeben. Mit Einar Orn von Björks Band Sugarcubes stellte er den Soundtrack für ein echt isländisches Slacker-Movie zusammen. Vor der Kulisse zahlreicher Variationen des Kinks-Klassikers "Lola" schlurft der 28-jährige Hlynur (Hilmir Snaer Gudnason) durch sein ereignisloses Leben. Er wohnt noch bei Muttern, verbringt die Tage vor dem Computer, die Abende in der Bar und schafft es nur selten, vor Mittag aufzustehen. Man möchte ihn schütteln, den hübschen Müßiggänger mit lässig schlabbernder Hose und schwarzer Brille. Er ist scharfzüngig und intelligent und doch zu blind, seine Misere zu sehen. Bis jene viel besungene Lola in sein Leben tritt und mit der spanischen Schauspielerin Victoria Abril die Skurrilität, die ihre Filme mit Pedro Almodovar berühmt machte. Als heißblütige Flamencotänzerin hat sie nicht nur ein Verhältnis mit Hlynurs Mutter, sondern bandelt auch mit dem Sohn an - und als Lola schwanger wird, wächst in Hlynur der Verdacht, dass er bald der Stiefbruder seines eigenen Kindes wird. Die ödipalen Verstrickungen inszenierte Schauspieler und Regisseur Baltasar Kormakur so lässig wie die Knitterfalten eines Slacker-Shirts und wischt mit leichter Hand jegliche Konvention aus dem Weg. Er ist nicht auf lauten Witz aus, sondern auf leise Zwischentöne und entwirft ein Kaleidoskop normal verrückter Typen, die bei Minus 30 Grad den Sinn des Lebens suchen. Sein Titel spielt auf die snobby Teenie-Serie "Beverly Hills 90210" an, doch für Hlynurs Lebensglück hält "101 Reykjavik" eine wirklich andere, eine ganz isländische Lösung bereit. 101 Reykjavik Island 2001, 93 Min., ab 12 Jahren, R: Baltasar Kormakur, D: Victoria Abril, Hilmir Snaer Gudnason, Hanna Maria Karlsdottir, täglich im Abaton



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