Dienstag, 14. Februar 2012, 20:18

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Kino

Eine Liebe - ohne festen Boden unter den Füßen

Episch: Jacques Rivettes "Die Geschichte von Marie und Julien"

An sich ist nichts Ungewöhnliches daran, wenn ein Mittvierziger wie Julien (Jerzy Radziwilowicz) im Park zufällig eine schöne junge Frau wie Marie (Emanuelle Beart) wiedertrifft. Auch nicht daran, dass sich beide gestehen, seit ihrer letzten Begegnung voneinander zu träumen und mittlerweile frei für den anderen zu sein. So beginnen schließlich Liebesgeschichten im Kino. Aber dann zieht Marie plötzlich ein Messer und - Schnitt.

"Die Geschichte von Marie und Julien" beginnt noch einmal von vorne: Jetzt begegnet Julien Marie auf der Straße, ihr Gespräch ist beinahe dasselbe wie in der vorangegangenen Szene, doch diesmal verabreden sie sich und nach einer kurzen Liebesnacht zieht Marie bei ihm ein. Eigentlich steht einer glücklichen Beziehung nichts mehr im Weg, wäre da nicht Maries seltsames Benehmen: manchmal verschwindet sie für eine Nacht, manchmal sagt sie Dinge, von denen sie Sekunden später nichts mehr weiß, manchmal spricht sie von einem unüberwindbaren Abgrund zwischen ihr und Julien. Und nicht nur das ist merkwürdig an Jacques Rivettes jüngstem Film. Was hat es zum Beispiel mit Juliens scheinbar beiläufiger Erpressung von Madame X (Anne Brochet) auf sich? Wieso scheint ausgerechnet sie über Marie Bescheid zu wissen?

Durch die beiden ersten Szenen hat Rivette, Altmeister der Nouvelle Vague, dem Zuschauer gleich zu Beginn den Boden unter den Füßen weggezogen. Alles, was danach kommt, und sei es noch so alltäglich, schillert zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Rivette konzentriert seine Geschichte auf einen sehr kleinen Personenkreis, zu dem außer Marie, Julien und Madame X nur noch deren Schwester und drei Randfiguren gehören. Die Personen bewegen sich wie in einem Kammerspiel überwiegend in geschlossenen Räumen, außer den von ihnen verursachten Geräuschen und ihren Stimmen ist nichts anderes zu hören, keine Musik, nichts. Blacks unterbrechen wie Filmrisse den Erzählfluss, vier Kapitel gliedern die Geschichte nach Schwerpunkten oder Sichtweisen. Es sind mögliche Anhaltspunkte, mehr nicht.

Leise und konsequent steuert dieser auf Spektakuläres verzichtende Film einem überraschenden Ende entgegen. Und gerade deshalb ist für Zuschauer, die sich auf diese Erzählweise einlassen können, keine einzige seiner 150 Minuten langweilig.

Die Geschichte von Marie und Julien Frankreich 2003, 150 Min., ab 12 Jahren, R: Jacques Rivette, D: Emmanuelle Beart, Jerzy Radziwilowicz, täglich im Holi; Internet: www.marie-und-julien.deSUSANNE OEHMSEN

 

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