Von Tätern und Opfern
"Die Kinder sind tot": ein Film, der weh tut
Es war eine Tat, bei deren Erwähnung sich noch heute der Magen zusammenzieht: Im Sommer 1999 ließ eine junge Frau in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung ihre zwei Kinder (zwei und drei Jahre alt) 14 Tage lang allein in der Wohnung und verbrachte die Zeit bei ihrem Freund. Als sie zurückkam, waren die beiden tot - qualvoll verdurstet. Was folgte, war ein öffentlicher Aufschrei, inklusive Ruf nach der Todesstrafe, und die Verurteilung zu lebenslänglicher Haft wegen zweifachen Mordes. In den Hintergrund geriet damals die Frage, wie so etwas überhaupt passieren konnte. Wie es möglich war, dass eine Mutter ihre Kinder sich selbst überlässt, und warum niemand etwas gemerkt hat. Diesem Fragenkomplex geht Aelrun Goette jetzt in ihrer Dokumentation "Die Kinder sind tot" nach.
Schon die erste Szene gibt das Maß an Beklemmung vor: Die Täterin, Daniela Jesse, wird in den Gerichtssaal geführt. Zum Klicken der Fotoapparate nimmt sie Platz, den Kopf gesenkt, bedeckt von einem Stück schwarzen Stoff, das wie ein Leichentuch wirkt. Wenn jemand mit seinem Leben abgeschlossen hat, so scheint es, dann diese Frau. Nicht Mitleid oder gar Verständnis werden hier geweckt, wohl aber die Ahnung, dass es in diesem Fall keine einfachen Antworten gibt. Und so rollt der Film die Ereignisse auf, lässt immer wieder die Täterin zu Wort kommen, ihre Mutter, ehemalige Freundinnen, Nachbarn, die Leiterin des Jugendamtes, den Bestatter. Gemischt mit schrecklichen, aber nie voyeuristischen Bildern vom Tatort (die toten Kinder sind nicht zu sehen), entsteht das Bild eines Dramas mit verschiedenen Tätern und Opfern. Da ist Daniela Jesse, die mit 17 das erste Kind bekommt, dann drei weitere, alle von verschiedenen Vätern. Immer wieder verlassen, will sie den aktuellen Partner unbedingt halten und zieht zu ihm - für 14 Tage . . . Sie habe an nichts anderes mehr gedacht, sonst sei ihr Kopf völlig leer gewesen, sagt sie. Es klingt glaubhaft. Diese Täterin ist auch ein Opfer. Da sind Nachbarn, die erzählen, die Kinder hätten gebrüllt und geschrien - aber das sei sonst auch immer mal so gewesen. Man könne sich ja nicht um alles kümmern. Da ist eine Jugendamtsleiterin, die vehement bestreitet, jemals wegen der Kinder angerufen worden zu sein. "Die Leute sagen, man müsste anrufen, und haben dann das Gefühl, sie hätten es tatsächlich auch getan."
"Die Kinder sind tot" ist ein Film, der weh tut, der dazu zwingt, sich Unvorstellbares vorzustellen. Und es ist ein Film, der zeigt, wie viel Hilflosigkeit, Leid und Ignoranz mitten unter uns sind.
Die Kinder sind tot Deutschland 2003, 80 Minuten, ab 12 Jahren, R: Aelrun Goette, täglich im 3001; Internet: www.ventura-film.de



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