Dienstag, 14. Februar 2012, 10:49

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Kino

Die Welt der Männer ist ein Frauengefängnis

Eindrucksvolles Zeugnis des Leidens unter der Taliban-Herrschaft: "Osama" ist der erste Spielfilm aus dem neuen Afghanistan

lch werde verzeihen. Aber ich werde nie vergessen." Dieses Zitat von Nelson Mandela steht am Anfang von "Osama", dem ersten afghanischen Spielfilm nach dem Ende des Taliban-Regimes.

Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens, das zusammen mit seiner Mutter und Großmutter in der afghanischen Hauptstadt Kabul lebt. Ihr Alltag ist geprägt von Unterdrückung: Frauen ist es ohne männliche Begleitung nicht erlaubt, auf die Straße zu gehen. Doch der Mann ist im Krieg gegen die Russen gefallen. Das Haus wird zum Gefängnis. Und so muss sich das Mädchen als Junge verkleiden. Es wird zu "Osama", damit seine Familie überleben kann.

Die Welt der Männer, in der sich die 12-Jährige fortan als Junge bewegen muss, ist ihr fremd. Die rituellen Waschungen der Männer, das Verhalten in der Koranschule alles im Alltag wird zur Bewährungsprobe. Jedes Mal droht sie sich zu verraten. Niemanden kann sie um Rat fragen, denn alle anderen sind Jungs oder Männer - und damit potenzielle Feinde.

Wie lebten Mädchen und Frauen unter der Herrschaft der Taliban? "Osama" dokumentiert die raue Wirklichkeit mit nüchternem Blick. Nur selten erlaubt sich der Film poetisch anmutende Bilder. Da schneidet etwa die Großmutter die zu einem Zopf zusammengebundenen langen Haare der Enkelin mit einer großen Schere ab. Die nächste Einstellung zeigt die Großaufnahme eines Blumentopfs, in dem der abgeschnittene Zopf nun steckt. Als solle dort das Haar weiter wachsen oder vielleicht auch eine Hoffnung auf Zukunft garantieren. Eine Zuversicht von kurzer Dauer: Osamas Tarnung fliegt mit schrecklichen Folgen auf.

Wegen des strikten und generellen Bilderverbots gab es während des Taliban-Regimes keine Filme. Die Gotteskrieger zerstörten sogar alle Bilder und Filme, die sie finden konnten. Mittlerweile werden jährlich zwei bis drei afghanische Filme gedreht - während in Indien drei Filme pro Tag fertig gestellt werden. So laufen in den wenigen afghanischen Kinos momentan vor allem indische Produktionen.

"Osama"-Regisseur Siddiq Barmak will diesen Zustand ändern und helfen, eine eigenständige afghanische Filmkultur zu entwickeln. "Ich fühle mich als Botschafter meines Landes. Mein Film vermittelt Informationen, öffnet ein Fenster zum Verständnis des afghanischen Volkes", sagt er.

Siddiq Barmak ist nicht nur Regisseur, sondern auch Direktor der staatlichen Produktionsfirma und des Filmarchivs "Afghan Film". Im April vergangenen Jahres hat er zudem die Führung der Afghanischen Kinder-Erziehungs-Bewegung (ACEM) übernommen, dessen vorheriger Leiter Regisseur Mohsen Makhmalbaf war. Dieser vermittelte auch einen großen Teil des Teams, unter anderem seinen langjährigen Kameramann Ibrahim Ghafuri. Ghafuri zeichnet für die Filme "Reise nach Kandahar" und "Die Stille" von Mohsen Makhmalbaf, sowie "Um Fünf am Nachmittag" und "Schwarze Tafeln" von Mohsens Tochter Samira verantwortlich.

Ohne die Hilfe Makhmalbafs wäre "Osama" nie zu Stande gekommen, denn er baute auch die Kontakte zu Produzenten in Japan und Irland auf, die das notwendige Geld organisierten. Der knapp über 80 Minuten lange Film konnte mit einem Budget von nur 310 000 Dollar realisiert werden - verschwindend wenig im Vergleich zu europäischen oder US-Produktionen. Ein durchschnittlicher Kino-Spielfilm kostet in Deutschland schon mindestens 1,5 Millionen Euro, meist mehr.

Die Darsteller in Osama sind allesamt Laien. Seine Hauptdarstellerin, die das Mädchen spielt, suchte Siddiq Barmak nicht - er fand sie. Wenn er von der Begegnung erzählt, klingt es wie im Märchen: "Marina Golbahari bat mich auf der Straße um ein Almosen. Mir fielen sofort ihre faszinierenden Augen auf. In ihnen lag Tragik, Melancholie und eine große Traurigkeit." Als Siddiq Barmak sie fragte, ob sie in seinem Film mitspielen wolle, wusste sie erst gar nicht, was er meinte, denn Film und Fernsehen kannte sie nicht. Doch beim Drehen machte sie instinktiv alles richtig, denn sie griff auf ihre eigenen Erfahrungen zurück, schließlich hatte sie das Taliban-Regime am eigenen Leib spüren müssen. Für ihre Arbeit bekam sie keine Gage. Die Produzenten kauften ihr stattdessen ein Haus, in dem sie jetzt mit ihren zwölf anderen Familienmitgliedern lebt.

Das Ende von "Osama" ist alles andere als versöhnlich. Auch, weil Siddiq Barmak der Ansicht ist, dass sich auch nach dem Schrecken der Taliban-Herrschaft die Situation der Frauen - gerade in ländlichen Gebieten - nur sehr langsam verbessert. So schämen sich etwa viele während des Taliban-Regimes mit Mullahs zwangsverheiratete Frauen dieser Tatsache, trauen sich aber nicht, ihre Männer zu verlassen.

Ursprünglich sollte der Film "Rainbow" heißen, nach einem Märchen, das im Film ein alter Mann dem Mädchen erzählt. Es besagt, dass alle Mädchen, die unter einem Regenbogen durchlaufen zu Jungen werden, und umgekehrt. Und genau dies ist ja - erzwungenermaßen - der größte Wunsch des Mädchens. Und eine Notwendigkeit zum Überleben. Doch nun heißt der fertige Film "Osama", und das findet der Regisseur auch richtig so, denn: "Dieser Film handelt vom Horror, und dieser Titel ist eine Reaktion auf den Horror Osama bin Ladens."

Sein nächster Film, das hat Siddiq Barmak versprochen, wird eine Komödie werden. Hoffentlich haben die Frauen in Afghanistan bis dahin wieder mehr zu lachen.

  • Osama, Afghanistan/Irland/Japan 2003, 82 Minuten, ab 12 Jahren, R: Siddiq Barmak, D: Marina Golbahari, Mohmmad Nadre Khwaja, Mohmmad Arif Herati, täglich im Abaton, Zeise (OmU); Internet: www.osama-derfilm.de

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