Vom Barbaren zum ehrenhaften Kämpfer
Viel Feind, viel Ehr: "Last Samurai" ist ein zwiespältiges Epos
Japan um 1876: Der von den Indianerkriegen traumatisierte amerikanische Captain Nathan Algren (Tom Cruise) wird vom Kaiserhaus angeheuert, um eine Armee nach westlichem Vorbild aufzubauen und Japan auf den Weg in die Moderne zu führen. Nur der Samurai Katsumoto (Ken Watanabe) leistet als Letzter Widerstand gegen diese alle traditionellen Ideale bekämpfende Entwicklung. Eine ideale Bewährungsprobe für Algren und seine kaum ausgebildeten Rekruten.
Als Algren im ersten Gefecht mit Katsumoto gefangen genommen wird, erkennt er nach einer langen Phase der Selbstfindung, dass nur "Bushido", der Weg des Kriegers mit seinen Idealen von Stärke, Mitgefühl und Loyalität, ihm seine Ehre wiedergeben kann, die in den Ebenen des amerikanischen Westens verloren ging. So schließt er sich Katsumoto an, um in die letzte, aussichtslose Schlacht zu reiten - der Zusammenprall der Epochen: mit Bogen, Lanze und Schwert gegen Gewehre und Kanonen . . . in den Untergang.
Mit "Last Samurai" erfüllten sich Tom Cruise und Regisseur Edward Zwick ("Ausnahmezustand", "Glory") einen alten Traum: einen Film über das alte Japan im Konflikt mit modernen Werten, mit dramatischen und eindringlichen Bildern im Geiste des legendären japanischen Filmemachers Akira Kurosawa (1910-1998).
Atmosphärisch enorm dicht zeigt Zwick den Weg eines plumpen, alkoholzerfressenen und desillusionierten Barbaren zum vollendeten, ehrenvollen Schwertkämpfer einer alten Kaste. Und der Einblick in fernöstliche Mentalität und Philosophie, der Zusammenprall der Kulturen und Wertvorstellungen, tolle Ausstattung und erschütternde Schlachtengemälde berechtigen durchaus einen Vergleich mit Meisterwerken wie Kurosawas "Die sieben Samurai" oder David Leans "Lawrence von Arabien". Doch trotz aller Opulenz und intensiv gezeichneten Charakteren schwächelt der Film in drei Punkten: Komponist Hans Zimmer nervt schon wie in "Gladiator" mit kitschiger Dauerberieselung, in der traditionelle japanische Musik im Gegensatz zum Kinotrailer nur Ethno-Beiwerk ist. Und auch wenn die Geschichte frei erfunden ist: So genannte Linieninfanterie mit Feuerwaffen gehörte - anders als im Film dargestellt - schon im 16. Jahrhundert zum festen Bestandteil japanischer Armeen. Ausgerechnet Akira Kurosawa setzte sich in "Kagemusha" mit den umwälzenden technischen Neuerungen des ausgehenden japanischen Mittelalters auseinander . . .
Das größte Manko allerdings ist die idealistische Herumreiterei auf dem Begriff der Ehre, eine der meistmissbrauchten Moralfloskeln der Geschichte. Ob während der Kreuzzüge der christlichen Ritter, im Kodex der preußischen Offiziere oder im Selbstverständnis der Samurai in der gemetzelreichen Bürgerkriegs-Ära der "Sengoku Jidai" ("Zeit der kämpfenden Provinzen", 1477-1600): Dem Feldherrn ist nur sein persönlicher Ehrbegriff wichtig, während das Fußvolk in aussichtsloser Lage verheizt wird. "Last Samurai" erhebt diesen zum Ideal. Eine fragwürdige Botschaft.



100. Geburtstag
Axel Springer
Branchenbuch Hamburg



Das Rätsel des Tages




