Wenn die Traumwelt zur Sucht wird
In Cinemania zeigen Stephen Kijak und Angela Christlieb fanatische Kinogänger aus New York
Sie sind verrückt. jedenfalls nach landläufiger Meinung. Wer den ganzen Tag im Kino verbringt, sein Leben nach Spielplänen ausrichtet und nichts mehr fürchtet, als einen Film zu verpassen, der kann doch nicht normal sein, oder? Nein, normal sind Roberta, Jack, Eric, Harvey und Bill gewiss nicht. Die fünf New Yorker enttäuschen schließlich ganz massiv gesellschaftliche Erwartungen. Für eine geregelte Arbeit bleibt bei ihrem Hobby, das korrekter als Besessenheit zu bezeichnen wäre, ohnehin keine Zeit, und auch die Zweisamkeit kommt zu kurz, wenn nur noch das zählt, was auf der Leinwand zu sehen ist. Die Regisseure Stephen Kijak und Angela Christlieb haben mit "Cinemania" der Kinoleidenschaft ihrer Protagonisten ein wundervolles Denkmal gesetzt, das selten erschreckt oder gar mitleidig macht, sondern vor allem fasziniert. Da sind Menschen zu erleben, die unter ihrem Zwang, bis zu fünf Filme am Tag sehen zu müssen, nicht leiden, sondern ihren Fanatismus sogar genießen. Auch dann, wenn die Finanzen knapp werden oder der Rücken vom vielen Sitzen auf weichen Polstern schmerzt. Geradezu ansteckend ist dabei die Begeisterung und planerische Ernsthaftigkeit, mit der die Cinephilen ans Werk gehen. Da werden im Vorfeld per Computer sämtliche Kinoprogramme der Stadt ausgewertet und detailierte Tagespläne erstellt, bei denen auch die Zeit Berücksichtigung findet, die es braucht, um vom einen Vorführsaal in den anderen zu gelangen. Da werden morgens bergeweise Sandwiches geschmiert, um die Verpflegungskosten niedrig gehalten, und - für diese Wahnsinnigen selbstverständlich - da wird auf balaststoffreiche Nahrungsmittel verzichtet, weil jeder zusätzliche Toilettenstopp kostbare Kinozeit kosten würde. Interessant auch, dass keiner der fünf sein jahrzehntelang angesammeltes, extremes Fachwissen nutzt, um über Filme zu schreiben. Statt dessen ist dies in sämtlichen Fällen ein Rückzug in eine ganz private (Traum-)Welt - was die Betroffenen auch ohne weiteres einräumen. Natürlich habe er seit Jahren keinen Sex mehr gehabt, erklärt Jack, stattdessen jedoch jede Menge unvergessliche Leinwand-Erlebnisse. Und die sind ihm weitaus wichtiger. (HOLGER TRUE) Cinemania Deutschland 2002, 80 Minuten, ab 12 Jahren, R: Stephen Kijak, Angela Christlieb, täglich außer Sa/So im 3001 (OmU).



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