Gottes vergessene Kinder
Im Kreislauf von Drogen und alltäglicher Gewalt: Fernando Meirelles virtuos gefilmtes Brasilien-Epos City Of God
Als ihm das erste Mal jemand im wirklichen Leben eine Pistole an den Hals drückt, ist der Regisseur Fernando Meirelles schon 45 Jahre alt und gerade dabei, einen Kurzfilm zu drehen - in der "City Of God", einer Favela vor den Toren Rio de Janeiros. Ein paar Jahre später kehrt der intellektuelle Künstler aus Sao Paulo in das brasilianische Armenviertel zurück - im Gepäck Paulo Lins Roman "Cidade de Deus" und die Überzeugung, aus diesem Stoff einen Film zu machen mit dem Ziel, den Alltag in den Elendsvierteln authentisch und glaubwürdig zu erzählen. Meirelles will diese in sich geschlossene Welt der Drogengeschäfte, Machtkämpfe und Bandenkriege zeigen. Eine Welt, in der bereits Fünfjährige bewaffnet sind und als Drogenkuriere arbeiten, in der Polizisten keinen Zutritt und Gesetze keine Geltung haben, in der die Drogenbosse noch aus dem Gefängnis jeden Atemzug in ihrem Viertel kontrollieren. Meirelles erzählt in seinem Film von Kindern und Jugendlichen, die zwischen Schule, Armut und Gewalt ihren einzigen Ausweg in der Kriminalität finden und dabei mit 20 das Beste ihres Lebens schon hinter sich haben. Im Zentrum der vielen lose miteinander verknüpften Geschichten von "City Of God" stehen Dadinho, genannt "Locke" (Leandro Firmino da Hora), und Buscape (Alexandre Rodrigues). Beide wachsen Ende der 60er-Jahre in der Barackensiedlung "City Of God" auf. Schon als Kind grausam und gewalttätig, übernimmt Locke als kaum 20-Jähriger den örtlichen Drogenhandel und regiert mit roher Gewalt. Buscape dagegen kommt durch einen Zufall seinem Traum näher, Fotograf zu werden. Aus seinem Blickwinkel werden in vielen Zeitsprüngen und Rückblenden das Schicksal Lockes und die damit verbundenen Geschichten der anderen Figuren erzählt. Überwiegend mit Laiendarstellern und direkt vor Ort in den Straßen der Favelas gedreht, ist Meirelles' dritter Kinofilm dennoch keine Milieustudie, sondern ein Kunstfilm. Es ist vor allem der virtuose Umgang mit den bildsprachlichen Mitteln, die sich ins Gedächtnis des Zuschauers einprägen: Ein Messer wird auf einem Schleifstein gewetzt. Ein Huhn entwischt, kurz bevor es geschlachtet werden soll. Locke und seine Gang nehmen lautstark grölend die Verfolgung kreuz und quer durch die kleinen Gassen der "City Of God" auf. In atemberaubender Geschwindigkeit schwebt die Kamera über der Szenerie, schwenkt blitzschnell zu einem Detail, dreht sich und gibt plötzlich den Blick auf ein Gesicht frei. Wie an einer Feder aufgehängt, ist die Kamera so nah am Geschehen wie nur möglich. Zeitraffer und Zeitlupe, Standfotos und Überblendungen, Zweiteilung des Bildes und Farbfilter, Meirelles setzt alle ihm zur Verfügung stehenden filmischen Mittel einzigartig zusammen. Doch die große Stärke des Film, seine Ästhetik, lässt der inhaltlichen Aussage wenig Raum. Mit einer strengen Dramaturgie, einer konsequenten Aufteilung in Gut und Böse und den zahlreichen Nebenschauplätzen hält Meirelles seinen Film immer am Laufen, gönnt den Figuren keinen Ruhepunkt. Unglaubwürdig wirkt dabei nicht die erzählte Geschichte, sondern ihre höchst effektvolle Inszenierung. Meirelles macht Gewalt konsumierbar, was bisweilen oberflächlich und wenig authentisch wirkt. Dank der grandiosen und temporeichen Bildsprache bleibt "City Of God" dennoch ein beeindruckendes Filmerlebnis. City Of God Brasilien 2002, 128 Minuten, ab 16 Jahren, R: Fernando Meirelles, D: Matheus Nachtergaele, Seu Jorge, Alexandre Rodrigues, täglich im Abaton, UCI Smart-City, Zeise



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