Dienstag, 14. Februar 2012, 20:46

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Kino

Wenn Hysterie normal wird

Der alte Affe Angst ist ein Film, der Probleme auftürmt - dessen Darsteller aber überzeugen

Sollte man lieben um jeden Preis? Was wird dann aus der Liebe: ein Versprechen? Eine Bedrohung? Oder beides? "Der alte Affe Angst" sitzt Marie (Marie Bäumer) und Robert mächtig im Nacken, sie haben ihre Beziehungshölle schon auf eine beachtliche Betriebstemperatur gebracht. Robert, der Theaterregisseur, macht aus seiner Zuneigung zur Kinderärztin Marie eine äußerst komplizierte Inszenierung. Ständig schwankt seine Stimmung, er hat Angst, sie zu verlieren, bemüht sich aber immer wieder fanatisch um sie. Miteinander geschlafen haben beide seit einem halben Jahr nicht mehr, denn Sex und Liebe hat Robert mittlerweile getrennt. Dazu kommt noch das schwierige Verhältnis zu seinem krebskranken Vater (Vadim Glowna), der stirbt, als die Chemotherapie nicht anschlägt. Immer schneller dreht sich das Psychokarussell. Robert schläft mit einer Peepshow-Tänzerin, die ausgerechnet die Mutter eines von Maries kleinen Krebspatienten - und HIV-positiv - ist. Marie wird schwanger, erleidet eine Totgeburt und unternimmt einen Selbstmordversuch. Danach wartet ein überraschender Schluss, der so gar nicht zum Rest der Ereignisse passt. Ungewöhnlich sind Oskar Roehlers Filme fast immer. Ungewöhnlich gut war das Porträt seiner Mutter in "Die Unberührbare". In "Der alte Affe Angst" türmt er Not und Elend derart drastisch, hemmungslos und ohne Rücksicht auf Wahrscheinlichkeiten auf, dass man dem überfrachteten Geschehen kaum noch folgen mag. Besessenheit und Hysterie werden im Film zur Normalität. Bedenkt man, dass Roehler für seine Filme gern die eigene Biografie verarbeitet, ist dieser Film auch eine bemerkenswerte Studie einer vor Selbstmitleid vergehenden Künstlernatur. Sehenswert wird der Film durch die Hauptdarsteller. Marie Bäumer, dafür mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet, und Andre Hennicke spielen furios und mussten für die Rollen wohl auch etwas tiefer in ihrer Seele graben. Man spürt, dass sie Lebens- und Partnerschaftserfahrung einbringen. In ihren fast schon schmerzhaft intensiven Szenen einer eheähnlichen Amour fou steigern sie sich bis zur schonungslosen körperlich-seelischen Demaskierung. VOLKER BEHRENS Der alte Affe Angst Deutschland 2003, 92 Minuten, ab 16 Jahren (geschätzt), R: Oskar Roehler, D: Marie Bäumer, Andre Hennicke, Vadim Glowna, Christoph Waltz, Nina Petri, täglich im Abaton.

 

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