Dienstag, 14. Februar 2012, 21:43

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Kino

"Es gibt noch Menschen, die zuhören"

Nicolas Philibert über die Dreharbeiten zu "Sein und Haben", seine eigenen traurigen Schulerfahrungen und Erfolg ohne viel Geld

ABENDBLATT: Worauf bezieht sich der Titel Ihres Films? NICOLAS PHILIBERT: Auf die beiden Hilfsverben der französischen Sprache, anhand derer man alle anderen Verben konjugieren und auch Zeiten ausdrücken kann. In Frankreich erinnern diese beiden Hilfsverben alle an die Schulzeit, in der man gerudert und gelitten hat, um das zu lernen. Aber natürlich sind das auch keine unschuldigen Verben, da steckt auch eine Metapher dahinter.

ABENDBLATT: Wie haben Sie es geschafft, dass die Kinder die Kamera und die fremden Leute in ihrer Klasse vergaßen? PHILIBERT: Ihre Frage setzt voraus, dass Kinder sehr spontan sind. Ich weiß nicht, ob die Kinder die Kamera vergessen haben. Mir war es wichtig, diskret zu sein, um den Unterrichtsablauf nicht zu stören. Aber hinter der Idee, sich unsichtbar zu machen, steht ja die Idee, die Kinder heimlich zu filmen. Das ist nicht meine Arbeitsweise. Am ersten Tag habe ich den Kindern genau unsere Geräte gezeigt und ihre Funktionen erklärt. Sie durften auch ein bisschen mit der Kamera spielen. Wir haben versucht, die Kamera und die Technik zu banalisieren.

ABENDBLATT: Der Film wurde in Frankreich zum Überraschungserfolg. Warum? PHILIBERT: Obwohl es eine Dokumentation ist, wird eine Geschichte über reale Menschen erzählt, über die man lachen und weinen kann. In Frankreich gibt es Leute, die diesen Film schon zwei- oder dreimal gesehen haben und einige Dialogzeilen auswendig können. Mich berührt es, dass der Erfolg dieses Films nicht auf einer massiven Marketingkampagne, sondern auf Mundpropaganda beruht. Es ist für mich sehr ermutigend, dass nicht alles am Geld hängt.

ABENDBLATT: Sie sind sehr nah an die Schüler herangegangen, vor allem in den Szenen, in denen Tränen fließen. War das heikel? PHILIBERT: Wichtig war, so aufmerksam wie möglich zu sein, auf die Kinder einzugehen und keinen Druck auf sie auszuüben. Das heißt auch, nichts aufzunehmen, was sie nicht sagen wollten, und nicht zu filmen, wenn es ihnen nicht behagte. Es war ungeheuer wichtig, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Bei den beiden Kindern Olivier und Natalie wusste niemand, dass sie während der Szene anfangen würden zu weinen. Ich drehte weiter, obwohl ich mich unwohl fühlte. Nachdem ich lange Vorbehalte hatte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Natalie und Oliver stark genug sind, um sich damit auseinander zu setzen.

ABENDBLATT: Welche Erinnerung haben Sie an Ihre eigene Schulzeit? PHILIBERT: Sehr schlechte, die ich tief in mir begraben habe. Dieser Film gab mir zum ersten Mal Gelegenheit, in einer Schule glücklich zu sein.

ABENDBLATT: Rührt daher die Sentimentalität, die der Film auslöst? PHILIBERT: Ich bin kein sentimentaler Mensch, und nostalgisch bin ich im Hinblick auf die Schule schon gar nicht. Dieser Film will nicht sagen: Was für ein Unglück, dass es diese wunderbaren Schulen nicht mehr gibt. Dieser Film sagt: Es gibt noch Solidarität und Menschen, die zuhören können.

ABENDBLATT: Dokumentarfilme finden gerade in letzter Zeit wieder ein großes Publikum. Wieso? PHILIBERT: Vielleicht sind die Leute müde, in Spielfilmen immer die gleichen Geschichten mit immer den gleichen Schauspielern zu sehen. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass diese Dokumentarfilme von uns handeln und nicht von Helden, die Abenteuer erleben, wie wir selbst sie niemals haben werden. Das ist auch in Michael Moores "Bowling For Columbine" so: Da geht es auch um ganz alltägliche Dinge und um Fragen, die uns wirklich etwas angehen.

Interview: MARKUS TSCHIEDERT

 

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