Carlos Reygadas' Drama "Stellet Licht"
Hinabgetaucht in die Tiefen der menschlichen Existenz
Johann hat sich in Marianne, eine Frau aus der benachbarten Ortschaft, verliebt und ein Verhältnis mit ihr. Gleichzeitig jedoch liebt er Esther und seine Familie. Ein Problem, das nicht nur ihn zu zerreißen droht, sondern auch seine Frau, mit der er ganz offen über seine Gefühlslage gesprochen hat.
Foto: Peripher
Am Anfang steht ein Sonnenaufgang. Still, langsam und überwältigend schön entfaltet er sich inmitten einer menschenleeren mexikanischen Landschaft. Das Licht der am tiefschwarzen Himmel funkelnden Sterne erlischt, der Horizont rötet sich, Vögel zwitschern, irgendwo in der Ferne muhen ein paar Kühe.
So kontemplativ wie dieser Einstieg verläuft normalerweise auch das Leben einer achtköpfigen Mennoniten-Familie, die von Ackerbau und Viehzucht lebt. Doch als nach dem gemeinsamen Frühstück die Kinder und ihre Mutter Esther das Haus verlassen, bleibt Johann, ihr Mann, am kargen Holztisch sitzen und beginnt zu weinen. Was ihn bedrückt, wird wenig später klar: Johann hat sich in Marianne, eine Frau aus der benachbarten Ortschaft, verliebt und ein Verhältnis mit ihr. Gleichzeitig jedoch liebt er Esther und seine Familie. Ein Problem, das nicht nur ihn zu zerreißen droht, sondern auch seine Frau, mit der er ganz offen über seine Gefühlslage gesprochen hat.
Nach "Japón" (2002) und "Battle In Heaven" (2005) beschäftigt sich der mexikanische Regisseur Carlos Reygadas auch in "Stellet Licht" erneut mit Menschen in einer existenziellen Krise, für die es Erlösung im oder durch den Glauben gibt. Dabei hat Reygadas eine originäre Filmsprache entwickelt, die von langen, ruhigen Einstellungen und intensiven Panorama- bzw. Nahaufnahmen bestimmt wird. Der Einsatz von Laiendarstellern ist ebenso kennzeichnend wie die betonte Akzentuierung von Umweltgeräuschen, und erstmals verzichtet Reygadas völlig auf begleitende Musik. Auch wenn es in seinen Filmen immer wieder um Schuld und Erlösung geht, ist "Stellet Licht" doch kein Bußedrama, sondern ein spirituell motiviertes Hinabtauchen in die Tiefen der menschlichen Existenz. Mit vergleichbarer Intensität und eigener Handschrift hat in der Vergangenheit Andrei Tarkowski (1932-1986; "Stalker", "Nostalghia") gearbeitet. Reygadas ist sein würdiger Nachfolger.




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