Im Visier der Rächerin von Glasgow
Thriller: Andrea Arnold liefert mit ihrer beklemmenden Vision "Red Road" ein starkes Regiedebüt zwischen griechischer Tragödie und Sozialdrama ab
Jackie (Kate Dickie) führt ein tristes Leben. Als Angestellte einer Sicherheitsfirma sitzt sie tagein, tagaus vor einer riesigen Monitorwand, auf die Bilder von Überwachungskameras übertragen werden, die in einem heruntergekommenen Viertel Glasgows installiert sind. Wird sie Zeugin einer Straftat, informiert sie die Polizei, das war's. Einzige Abwechslung ist alle 14 Tage völlig emotionsloser Sex mit einem verheirateten Kollegen in dessen Wagen.
Doch eines Tages, bleibt Jackie beim Routineblick auf die Monitore fast das Herz stehen: Im Kamerasucher ist Clyde (Tony Curran) zu sehen. Ein Mann, mit dem Jackie, soviel ist sofort klar, ein traumatisches Erlebnis verbindet. Zu zehn Jahren Gefängnis war er einst verurteilt worden, erfährt der Zuschauer aus einer Zeitungsschlagzeile. Nun wurde er wegen guter Führung vorzeitig entlassen. "Doch wenn er sich irgendwas zuschulden kommen lässt, fährt er sofort wieder ein", versucht ein Bekannter bei der Polizei Jackie zu trösten. Für sie ist das jedoch nicht genug. Mithilfe der Kameras macht sie Clydes Wohnung ausfindig, kontrolliert seinen Tagesablauf und dringt schließlich in das Leben des nichts ahnenden Mannes ein. Mit nur einem Ziel: Rache!
Einen beklemmenden Thriller, der gleichermaßen an orwellsche Zukunftsvisionen, griechische Tragödien und die Sozialdramen eines Ken Loach erinnert, liefert Andrea Arnold mit ihrem starken Regiedebüt "Red Road" ab. Gefilmt im gleichnamigen Problemviertel von Glasgow, sind Kameramann Robbie Ryan so bestechende Bilder gelungen, dass britische Kritiker sogar von "Poverty Porn" (in etwa: Armutspornografie) sprechen. Hervorragend besetzt, teilweise auch mit sehr talentierten Kino-Debütanten, bildet "Red Road" den ersten Teil einer Trilogie, die dem "Advance Party Concept" folgen: Initiiert von den Dänen Lone Scherfig ("Italienisch für Anfänger") und Anders Thomas Jensen ("Adams Äpfel"), basiert dieses Konzept im Wesentlichen darauf, dass drei Regisseure einen Pool von Charakteren benutzen, um drei individuelle Filme zu drehen, die zwar allein gezeigt werden können, aber inhaltlich in direkter Verbindung zueinander stehen. Teil zwei der Trilogie befindet sich derzeit in der Postproduktion - und wird nach diesem starken Auftakt schon ungeduldig erwartet.



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