Sonntag, 27. Mai 2012, 08:37

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Kino

"Millionen Amerikaner sind meiner Meinung"

Regisseur Michael Moore über Charlton Heston und das gestörte Innenleben der Weltmacht USA

ABENDBLATT: Mit Ihrer penetranten Fragerei fühlen Sie den Mächtigen bei Interviews so lange auf den Zahn, bis die entweder gestehen oder das Weite suchen. Wovor fürchten Sie sich selbst?

MICHAEL MOORE: Ich hatte bei den Dreharbeiten zu "Bowling For Columbine" einmal richtig Angst. Das war nach meinem Gespräch mit Charlton Heston, dem Schauspieler und Ex-Vorsitzenden der National Rifle Association. Meine Fragen haben ihn so wütend gemacht, dass er mich regelrecht vor die Tür setzte. Aber plötzlich stand ich draußen vor einem verschlossenen eisernen Tor. Ich dachte mir, Heston ruft jemanden, der mich zusammenschlagen und mir den Film abnehmen soll. Zum Glück ging das Tor nach kurzer Zeit dann doch auf.

ABENDBLATT: Sind Sie wie viele Ihrer Landsleute auch mit Schusswaffen aufgewachsen?

MOORE: Ja, als Jugendlicher habe ich sogar einen Preis der National Rifle Association für meine Schießkünste gewonnen. Aber ich bin erst im Jahr 2000 Mitglied geworden, und zwar, weil ich gegen Charlton Heston antreten wollte. Er hat den ehemaligen Sportverein im Laufe der Jahre zu einer rechtsextremen Organisation gemacht. Mein Ziel war es, so viele Mitglieder wie möglich anzuwerben, um die Mehrheit zu bekommen, ihn ausbooten und schließlich den ganzen Laden auflösen zu können. Dann aber kam mir das wie Zeitverschwendung vor. Schließlich will ich ja nicht jedes Football-Spiel verpassen.

ABENDBLATT: Wie haben sich die Anschläge des 11. September auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

MOORE: Ich war mehr denn je überzeugt, dass ich diesen Film beenden und zeigen musste, weil die Gewalt nun dabei war, zu uns zurückzukommen - die weltweite Gewalt, die wir selber ausüben.

ABENDBLATT: Wollen Sie mit Ihrem Film Nicht-Amerikaner über das gestörte Innenleben der Weltmacht USA aufklären?

MOORE: Ja, denn für uns Amerikaner ist es vielleicht schon zu spät. Der große Erfolg meines Buches "Stupid White Man" über Präsident Bush hat mir allerdings wieder Mut gemacht. Er bedeutet, dass Millionen von Amerikaner meiner Meinung sind. George W. Bush findet im Moment zwar große Zustimmung, aber das ist immer so: Wenn eine Gruppe angegriffen wird, dann schart sie sich ängstlich hinter ihren Führer - egal, wer das ist.

ABENDBLATT: Was macht Sie so wütend?

MOORE: Ich hoffe, dass der Film den anderen Ländern als Warnung dient: Wenn ihr weiter Politiker wählt, die das soziale Auffangnetz zerschnipseln, werdet ihr ein Land wie das unsere erschaffen, in dem man den Armen und den Einwanderern an den Kragen geht. Wenn ihr denselben Weg einschlagt, habt ihr am Ende auch mehr Gewalt, mehr Angst, mehr Schusswaffen und mehr Morde. Ich warne vor den amerikanischen Methoden: Seid nicht so grausam zu den Habenichtsen, sonst kann eine ausgesprochen ungemütliche Situation entstehen.

Interview: MARKUS ROTHE

 

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