"Einfach geil abgeliefert!"
Tragikomödie: Heinz Strunks Jugenderinnerungen "Fleisch ist mein Gemüse" sind dank guter Darsteller einfach ganz großes Kino
Für die Filmfassung von "Fleisch ist mein Gemüse" ist Gurki ein wichtiges Maß der Dinge. Gurki muss gut sein. So gut, dass angesichts seiner das Fremdschämen (un)fassbar wird.
Gurki ist besser als gut: Andreas Schmidt ("Sommer vorm Balkon") spielt den unsäglichen Tiffanys-Bandleader ("Swingtime is good time, and good time is better time!") so perfekt peinlich, dass man froh ist, einer derartigen Gestalt noch nie begegnet zu sein, und hofft, dass es auch nie dazu kommt. Viel mehr geht in dieser Rolle nicht. Und damit steht sie stellvertretend für den ganzen Film von Christian Görlitz: Er hat aus Heinz Strunks eigenwillig niedergeschriebenen Jugenderinnerungen mit viel Fingerspitzengefühl ein Drehbuch gemacht, eine außerordentlich gute Hand bei der Besetzung gehabt und die in den Achtzigern angesiedelte Geschichte, die eigentlich gar keine ist, souverän, weil nicht übertrieben ganglastig inszeniert. Oder wie Gurki sagen würde: "Geil abgeliefert!"
Denn die als Buch so immens erfolgreiche Beschreibung einer Harburger Landjugend (mehr als 250 000 verkaufte Exemplare) ist zwar durch und durch komisch, aber eben über weite Strecken auch tragisch: "Heinzer" (glaubhaft gespielt von Maxim Mehmet) haust mit Anfang 20 und übler Akne noch immer bei seiner kranken, nörgelnden und delirierenden Mutter (überragend: Susanne Lothar) auf der "falschen" Seite der Elbe, träumt von einer Musikkarriere und wird doch bloß Bläser bei der Tanzkapelle Tiffanys. Die bespielt Hochzeiten, Schützenbälle und ähnliche Festivitäten zwischen Moorwerder und Maschen mit dem immer gleichen Programm, in dem "An der Nordseeküste" noch der größte Aufreger ist. Heinz' Versuche, mit diversen per Annonce gesuchten Sängerinnen den Durchbruch als Musiker, Songschreiber und Produzent zu schaffen, scheitern nach dem Muster seiner ganzen Existenz: kläglich. Bis sich in diesem bizarren Paralleluniversum aus Koteletts, Korn und Klaus & Klaus eine Chance aufzutun scheint, als das Brusthaar des abgehalfterten Goombay-Dance-Band-Giganten Oliver Bendt (Sylvester Groth) auf offener Bühne Feuer fängt und sich mit Jette (Anna Fischer) doch noch eine der Sängerinnen mit Heinz versucht...
Von Strunk gänzlich unbehelligt, hat Görlitz sich bis hin zum tatsächlich traumhaften Finale kleine, dem Film zuträgliche Freiheiten bei der Umsetzung des Buches genommen, aber dessen Atmosphäre, Geist und lakonischen Stil erhalten. So hat die Aneinanderreihung von Momenten und Episoden, die "Fleisch ist mein Gemüse" nun mal ist, eine gute Dichte bekommen, die den fehlenden herkömmlichen Spannungsbogen nicht vermissen lässt. Der Einfall, die Off-Texte von Heinz Strunk sprechen zu lassen und ihn das Gesehene nach Art eines Jägermeister-Hirsches kommentieren zu lassen, ist nett, aber verzichtbar. Das gelungene Resultat können diese Sequenzen gleichwohl nicht schmälern.
Darauf darf Görlitz trinken, am besten mit einem vo Gurkis Lieblingskalauern: "Noch ein Gläschen für das Bläschen!"



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