Sonntag, 27. Mai 2012, 08:37

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kino

Interview

"Ich moralisiere nicht"

Regisseur Cristian Mungiu über sein Abtreibungsdrama "Vier Monate . . ." und den Gewinn der Goldenen Palme

Wieso eine Geschichte aus der Endphase des Ceausescu-Regimes und dann noch so ein schockierendes Abtreibungsdrama?

CRISTIAN MUNGIU: Ich wollte eine persönliche Geschichte aus meiner Jugend erzählen, aber keine Chronik des Ceausescu-Regimes liefern. Das Gesetz gegen Abtreibung von 1966 sollte Rumänien zu einer zahlenmäßig bedeutenden Nation machen. Eine Frau, die fünf Kinder in die Welt setzte, wurde als Heldenmutter geehrt. Viele der damals geborenen Kinder landeten in staatlichen Heimen, das war die Kehrseite. Filmemacher sollten daran erinnern, was passiert ist, und aufrütteln. Im Rückblick wird heute vieles schöngeredet und verherrlicht. Das halte ich für gefährlich.

Sie überzeugen durch knallharten Realismus.

CRISTIAN MUNGIU: Ich sehe meine Aufgabe darin, über das Leben und seine Unwägbarkeiten zu erzählen, die verschiedenen Ebenen der Wahrheit aufzublättern. Deshalb moralisiere ich auch nicht oder werte. Eines möchte ich aber noch sagen: Die neue Freiheit nach dem Sturz Ceausescus hat uns überrumpelt, wir konnten damit nicht umgehen. Ein Jahr später zählte man eine Million Abtreibungen in Rumänien. Nicht alles, was nicht verboten ist, ist auch richtig. Wir müssen uns an Verantwortung gewöhnen.

Der erste rumänische Film nach elf Jahren in Cannes. Und dann die Goldene Palme. Haben Sie Freudentänze aufgeführt?

CRISTIAN MUNGIU: Dazu bin ich ein zu ruhiger Typ. Ich musste das alles erst einmal sacken lassen, und es dauerte einige Tage, bis ich begriff, was passiert ist. Der Wettbewerb in Cannes war immer schon mein Traum. Allein die Teilnahme ist gut für meine weitere Arbeit. Jetzt hoffe ich, dass "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" als "Türöffner" für andere rumänische Produktionen funktioniert. Bei nur 40 Kinos in einem Land mit mehr als 20 Millionen Einwohnern müssen wir uns die wenigen Abspielplätze mit den großen US-Blockbustern teilen, keine gute Ausgangsbasis.

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus

Weiterführende Links