Gefangen im Gewusel postmoderner Neurosen
SEXKOMÖDIE: "Shortbus" - Episoden gewöhnlicher, homosexueller und verhinderter Liebe im New York nach dem 11.9.2001
Ein Longbus ist ein Schulbus, so lernen wir in diesem Film. Die dort einsteigen, begeben sich unter die wachsamen Augen von Erziehungsberechtigten. Ein "Shortbus" ist ein illustrer Ort, an dem eine Menge Dinge geschehen, die alles andere als jugendfrei sind. In John Cameron Mitchells gleichnamigem Film ist er ein übel beleumundetes Lichtspieltheater mitten in New York, ein Pornokino als umfunktionierter Fellini-Salon. Die Gesetzeshüter, die sich hierher verirren, werden von einer plüschigen Tunte, der "Mistress Of Shortbus" ruhiggestellt. Mitchell hat mit seinem Debüt "Hedwig And The Angry Inch" seinerzeit eine Sundance-Trophäe abgeräumt. Für "Shortbus" hat er sich das Episodenhafte bei Robert Altman abgeschaut, den Dialogwitz bei Stadtneurotiker Woody Allen, das auf Gruppenimprovisation gründende Drehbuch von John Cassavetes und den Rest aus einem Hardcore-Porno. Dennoch gelingt ihm eine eindimensionale, aber irrwitzige Fußnote zum Thema sexuelle Neurosen im gegenwärtigen New York.
Der Film legt mit einem cineastischen Dauerfeuer los, das keine Klamotte am Körper lässt. Das Kameraauge landet bei einer melancholischen Künstlerin-Domina, die es einem neureichen Bübchen besorgt, bis er sich auf ihrem Pollock-Gemälde an der Wand verewigt. Parallel treiben es eine "präorgastische" Sexualtherapeutin und ihr Kamasutra-gestählter Gatte bis kurz vor dem Herzinfarkt, während einen Häuserblock weiter ein schwuler Künstler sich so lange verknotet, bis er sich selbst einen bläst. So erheiternd diese Collage beginnt, so frech und angstfrei setzt sie sich fort. Alle wollen das eine: den oberverschärften Sex. An ansehnlichen Geschlechtsteilen in aufrechten Positionen herrscht kein Mangel. Es geht um Spaß und Selbstverwirklichung für Unterversorgte. Nicht um das Ausstellen der größten Bizarrerie. Es sei eine Stimmung wie in den 60er-Jahren, nur mit weniger Hoffnung, kommentiert die Boudoir-Chefin die Orgie. Im Gewusel der postmodernen Neurosen hätte einzig der Terror vom 11. September 2001 den nach Liebe Gierenden so was wie "Realität" verschafft. Diese inhaltliche Klammer hinkt bald, authentisch wirken allein ein sexuell ratloses, aber sich aufrecht liebendes Männerpaar, der lebensmüde Verrenkungskünstler James aus der Anfangsszene und sein Freund Jamie.
"Shortbus" ist nach dem Pädophilen-Drama "Hard Candy" und dem Psychoschocker "Brick" der dritte Streifen in der neuen Autobahn-Reihe von Senator Film, die kontroverse Stoffe anfassen will. Manche Männer werden sich "Shortbus" wegen der unverkrampften Hardcore-Szenen anschauen, mit Sicherheit haben alle Geschlechter etwas zu lachen, wenn das ferngesteuerte Vagina-Ei der Sexualtherapeutin im unpassendsten Moment hüpft oder James und Jamie beim flotten Oral-Dreier die amerikanische Nationalhymne brüllen.
>> Shortbus USA 2006, 98 Minunten, ab 18 Jahren, R: John Cameron Mitchell, D: Sook-Yin Lee, Paul Dawson, Lindsay Beamish, PJ DeBoy, Peter Stickles, täglich im Abaton (OmU), Studio-Kino



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