Dienstag, 14. Februar 2012, 14:13

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Kino

Der ganze Wahnsinn eines spießigen Mittelklasselebens

Bestürzend, aber doch sehenswert: "Glück in kleinen Dosen"

Es beginnt wie ein Videospiel. Ein Trupp Auserwählter richtet im Namen des Guten eine ganz hübsch quadratisch aufgereihte Vorstadt hin. Es ist nur ein Spiel, doch was in den Hirnen der Jugendlichen hinter all den US-Mittelklasse-Suburbia-Fassaden, wirklich vorgeht, wissen nur sie selbst. Und womit die Kids den ganzen White-Trash-Spießerwahnsinn aushalten, schwant ihren Erzeugern auch nicht, als einer von ihnen plötzlich mitten auf einer Party seiner Mutter aufgehängt am Dachbalken baumelt.

Troy hatte genug. Am Schluss haben die Antidepressiva, mit denen er die Schulen der Nachbarschaft ausstattete, seinen eigenen Lebenswillen ausgehöhlt. Sein bester Freund Dean findet ihn, plauscht ein paar Takte mit Troys Mutter, dreht sich um und geht.

Eine starke Eingangsszene liefert uns Arie Posin in seinem ersten Langfilm "Glück in kleinen Dosen", der auf dem Sundance-Festival positiv auffiel. Der Freitod ist das Ende einer schicksalhaften Kette und der Beginn der nächsten, in der Jugendliche und Eltern nebeneinander herexistieren. Deans Vater (William Fichtner) schlachtet die Trauer seines Sohnes für sein nächstes Psychobuch aus und speist ihn mit Vitaminen ab, ohne zu ahnen, dass die Kids auf dem Schulhof täglich mit Pillen handeln wie mit Spielkarten. Troys Mutter, eine vertrocknete Republikanerin (wunderbar: Glenn Close), entsagt der Realität und kümmert sich aufopferungsvoll um ihren Vorgarten. Und dann sind da noch eine hyperaktive Immobilienmaklerin (Rita Wilson), die einen Bürgermeister (Ralph Fiennes) mit Unterwasservisionen ehelichen will und nicht bemerkt, dass ihr Sohn seit zwei Tagen verschwunden ist. Der steckt in Händen einer jugendlichen Entführer-Gang, die hofft, mit der Erpressung Deans an Troys versteckte Glückspillen ranzukommen.

Posin und sein Drehbuchautor Zac Stanford zitieren recht unverdrossen Sam Mendes' grandioses Mittelklassedebakel "American Beauty". Das hochdosierte Glück des Films sind die Darsteller. Alle eher kleinen Erwachsenenrollen sind mit fabelhaften Mimen besetzt, die den ganzen dumpfen Stumpfsinn entblößen, ohne als Figuren bloßgestellt zu werden. Im Zentrum aber stehen die Jugendlichen, allen voran Jamie Bell ("Dear Wendy") als Heranwachsender Dean, dessen Kosmos ohne die schöne neue Prozac-Welt so erschütternd grau erscheint wie seine Pullover. Bestürzend und sehenswert.

Glück in kleinen Dosen USA/D 2005, 108 Minuten, ab 16 Jahren, R: Arie Posin, D: Jamie Bell, Camille Belle, Justin Chatwin, William Fichtner, Glenn Close, Ralph Fiennes, Carrie-Anne Moss, Rita Wilson u.a., täglich im UCI Smart-City; Internet: www.glueck-in-kleinen-dosen.de

 

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