Dienstag, 14. Februar 2012, 15:47

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Kino

In Frauenkleidern durch das Glamrock-Irland

"Breakfast On Pluto" ist ein Filmwunder

Eine Frau spaziert mit Kinderwagen an einer Baustelle vorbei. Die Bauarbeiter pfeifen. Es dröhnt "Sugar Baby Love" von den Rubettes. Die Lady reagiert kokett. Sie hat gut lachen. In Wirklichkeit ist Patrick "Kitten" Braden ein Mann. Im Glitzerkostüm zwar, von einer Fummeltrine jedoch weit entfernt. Der Weg zu seinem femininen Selbstbewußtsein war lang und steinig. 1958 in der irischen Kleinstadt Tyreelin vor der Pfarrerstür ausgesetzt, wuchs er bei einer alten Pub-Inhaberin auf. Mit zehn trägt er die ersten Frauenkleider, in der Pubertät lange Haare zu Mascara. Schließlich erkundigt er sich in der Schule zur Begeisterung des Lehrkörpers nach einer Geschlechtsoperation.

Die Helden in den Romanen des Iren Patrick McCabe wachsen in katholisch geprägten Kleinstädten auf, dort, wo die Hölle des Erwachsenwerdens am heißesten brodelt. Dramatischer - und dabei oft komischer - kann das Individuum nicht auf die Gesellschaft prallen. Das fand auch Regisseur Neil Jordan ("Crying Game"), der 1997 bereits McCabes "Schlächterjungen" verfilmte. Sein neues Werk "Breakfast On Pluto" nach McCabes gleichnamigem Roman ist ein kleines Filmwunder. Randvoll mit verrückten Details aus der irischen Jugend, einer großartigen Glamrocktonspur und amüsanten Kleinstauftritten von Roxy-Music-Sänger Bryan Ferry als alterndem Prostituiertenmörder Mr. Silky String und Gavin Friday als Kurzzeitliebe Billy Rock.

Eine echte Entdeckung ist Hauptdarsteller Cillian Murphy ("28 Days Later"). Seine androgyne, liebenswert egoistische "Kitten" trägt den gesamten Film. Wir fiebern mit ihr, wenn sie mit ihren Freunden IRA-Rollenspiele spielt, sich der Indianer-Rock-Truppe Billy Hatchet And The Mohawks anschließt und nach einem verpatzten Auftritt als Squaw wenigstens mit Frontmann Bill in eine romantische Sugardaddy-Beziehung rutscht. Wir zittern mit ihr, als sie das vom IRA-Konflikt durchgerüttelte Irland in Richtung London verläßt, um ihre Mutter zu suchen, die sie sich als glitzernden Filmstar erträumt. Wir sind berührt, wenn sie als Teddy in einem Kinderthemenpark - zum "Wombling Song" der Wombles - und schließlich bei dem abgehalfterten Magier Bertie (Stephen Rea) anheuert, der sich in sie verliebt und sie als Hypnose-Star groß herausbringt. Purer, gelebter Rock 'n' Roll. Tolle Episoden in einem Film, in dem am Ende Freundschaft, Vergebung und Selbstfindung auf wunderbare Weise siegen.

Breakfast On Pluto IR/GB 2005, 129 Min., ab 12 J., R: Neil Jordan; D: Cillian Murphy, Liam Neeson, Ruth Negga, ab 25.5. tägl. im Passage; www.breakfast-on-pluto.de

 

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