Dienstag, 14. Februar 2012, 17:23

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Kino

Diffuse Verdachtsmomente reichen aus

Regisseur Benjamin Heisenberg (31) über seinen Film "Schläfer"

ABENDBLATT: Ist "Schläfer" eine Reaktion auf den 11. September?

BENJAMIN HEISENBERG: Ich hatte schon damals das Gefühl, daß es zu Veränderungen in Bezug auf die innere Sicherheit kommen wird. Daß Regierungen die Ereignisse benutzen, um Verschärfungen, wie den großen Lauschangriff durchzusetzen, die schon in der Schublade lagen. Das ist ja auch passiert und war eines der Hauptanliegen für "Schläfer": zu schauen, was diese veränderte politische Situation mit dem Leben des einzelnen zu tun hat. Auf einer eher privaten Ebene geht es im Film darum, die Standfestigkeit der eigenen Wahrnehmung und Einschätzung zu hinterfragen.

ABENDBLATT: Was ist der Grund für die allgemeine gesellschaftliche Verunsicherung, unter der im Film der Verfassungsschutzinformant Johannes zu leiden scheint?

HEISENBERG: Ich würde die jedenfalls nicht am 11. September festmachen. Es gibt schon länger die Tendenz zur Verunsicherung zum Beispiel durch veränderte Familienverhältnisse auf Grund hoher Scheidungsraten. Beziehungen haben generell eine ganz andere Halbwertzeit als früher, und die Jobs auch. Es ist so viel Unsicherheit in die eigene Lebensplanung gekommen. Und es gibt so viele neue Informationen durch die Medien, daß Meinungen und Haltungen ständig revidiert werden müssen. In dieser Atmosphäre wird es immer schwerer, einen festen Standpunkt einzunehmen.

ABENDBLATT: In "Schläfer" gerät Farid offenbar auch durch seine Herkunft ins Visier des Verfassungsschutzes. Sehen Sie selbst seit dem 11. September Araber im öffentlichen Raum mit anderen Augen?

HEISENBERG: Ja, erstmals sind mir Araber überhaupt aufgefallen. Außerdem habe ich Freunde aus dem arabischen Raum, die in die Rasterfahndung geraten sind. Für die war es eine krasse Erfahrung, mit der Tatsache konfrontiert zu werden, daß eine Behörde Informationen über sie gesammelt hat, obwohl sie völlig unbeteiligt sind.

ABENDBLATT: Warum behandelt der Film die Frage nicht, ob Farid tatsächlich ein Schläfer ist?

HEISENBERG: Weil es mir um die Geschichte des deutschen Verfassungsschutzinformanten geht. Darum, wie er korrumpiert wird. Außerdem ist es realistisch, daß die Verfassungsschützerin im Film sich ihm gegenüber nicht konkreter zu den Vorwürfen gegen Farid äußert, denn in der Tat reichen eher diffuse Verdachtsmomente ja aus, um eine Überwachung zu starten.

ABENDBLATT: Offenbar war es Ihnen wichtig, die Atmosphäre der Verunsicherung auch visuell umzusetzen . . .

HEISENBERG: Ja, wir haben uns über Licht und Schatten sehr viele Gedanken gemacht. In der Szene, in der Johannes Farid schließlich verrät, verschwindet sein Gesicht im Dunkel, und er ist nur noch schemenhaft wahrnehmbar. Das spiegelt seine Situation, denn er ist zu einem Schatten seiner selbst geworden. Außerdem gibt es immer wieder Kamerablicke über die Schulter, durch die Menschen und Räume zu beobachteten Objekten werden. Auch das Tempo des Films ist bewußt gewählt, damit der Zuschauer Zeit hat, sich im Bild umzugucken, und zum Beobachter wird, der sich überlegen muß: Wie beurteile ich das, was ich da sehe? Im Endeffekt ist das ja das Thema des Films.

ABENDBLATT: Am Ende betet Johannes erstmals. Kommt die Hilfe von oben?

HEISENBERG: Es ist ein hilfloser Versuch, um zur Ruhe zu kommen und Halt zu finden. Für die Großmutter hat das noch funktioniert, und jetzt will er es für sich nutzbar machen. Aber der Glaube ist nicht einfach an- und ausschaltbar. Deshalb bleibt Johannes so leer zurück, wie er davor war.

 

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