Sonntag, 27. Mai 2012, 08:36

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Kino

Hungern, wo es genug gibt

Interview mit dem Dokumentarfilmer Erwin Wagenhofer

ABENDBLATT: Wie entstand die Idee, einen Film über die globalisierte Nahrungsmittelproduktion zu machen?

WAGENHOFER: Ich definiere mich als politischen Menschen und wollte einen Film über den Zustand unserer Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts machen. Und zwar anhand von Dingen, mit denen wir im Alltag direkt zu tun haben. Nahrung bietet sich da an. Die Globalisierung tritt heute in eine neue Phase. Dieser Umbruch bringt es mit sich, daß wir Freiheiten verlieren, die wir uns über Jahrhunderte erkämpft haben.

ABENDBLATT: Zugunsten der Freiheit des Marktes?

WAGENHOFER: Es wird viel vom freien Markt geredet, aber eigentlich haben wir es mit einer Monopolisierung der schlimmsten Art zu tun. Die 50 größten Konzerne machen die Planwirtschaft für die ganze Welt. Wir haben doch schon erlebt, daß die Planwirtschaft im Osten nicht besonders erfolgreich war. Die Konzerne wollen keinen freien Markt, sie wollen den Markt dominieren.

ABENDBLATT: Einer der überzeugendsten Kritiker der industriellen Landwirtschaft in Ihrem Film ist selbst Produktionsleiter bei einem Saatgutunternehmen. Ist das nicht ein bißchen schizophren?

WAGENHOFER: Es war sehr schwierig, jemanden zu finden, der seine Meinung auch vor der Kamera offen sagt. Karl Otrok hat mich zuerst gefragt, wann der Film rauskommt. Und dann war klar, daß er dann schon in Pension ist.

ABENDBLATT: Ihr Film möchte die globalen Zusammenhänge veranschaulichen. Was hat unser Eßverhalten mit dem Hunger in der Dritten Welt zu tun?

WAGENHOFER: Die Globalisierung stand nicht im Vordergrund. Mich hat immer nur interessiert, was das mit uns zu tun hat. So sind wir nach Brasilien gereist, weil die Tiere, die wir essen, mit dem Soja von den Plantagen gefüttert werden, die sich immer weiter in den Regenwald hineinfressen, während direkt daneben die Menschen hungern. In Brasilien sind das 17 Millionen Menschen, d. h. 10 Prozent der Bevölkerung. Dabei ist Brasilien keine Katastrophenregion. Von den 842 Millionen Menschen, die in der Welt hungern, sind die wenigsten Opfer solcher Katastrophen. Die meisten hungern dort, wo es genug gibt.

 

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