Dienstag, 22. Mai 2012, 14:47

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Kino

"Nur Mutterliebe überwindet alle Grenzen"

Radu Mihaileanu über seinen neuen Film "Geh und lebe"

ABENDBLATT: Hat die Geschichte des Films autobiographische Züge?

RADU MIHAILEANU: Nein. Ich war nie in einem afrikanischen Auffanglager. Ich war gerade mal 22 Jahre alt, als ich das diktatorisch geführte Rumänien verließ. Ich mußte allein in die Welt ausziehen und früh Mutter und Vater verlassen. In dem Moment dachte ich, daß ich sie nie wiedersehen würde. Ich emigrierte nach Frankreich und hatte viele Schwierigkeiten. Ich sprach die Sprache anfangs kaum. Außerdem war mir die französische Kultur fremd. So geht es allen Immigranten. Doch meine Erfahrung ist im Vergleich zu dem Schicksal eines Kindes, das in einem afrikanischen Auffanglager fast gestorben wäre und als schwarzes Kind in einer jüdischen Gesellschaft aufwächst, wo es nur Weiße gibt, nicht so schlimm. Sein Leben ist viel schwieriger.

ABENDBLATT: Mit der von den USA, dem Großrabbinat und dem israelischen Geheimdienst Mossad organisierten Luftbrücke zwischen dem Sudan und Israel wurden Mitte der 80er Jahre 12 000 Falashas vor Hunger und Verfolgung gerettet. Sie sollen durch Zufall darauf aufmerksam geworden sein?

MIHAILEANU: Ja, ich hatte 1985 die Presseberichte verfolgt, wobei mir die Tragweite dieser Operation bereits bewußt wurde. Und dann nahm ich 1989 am jüdischen Filmfest in Los Angeles teil. Bei der Eröffnungsveranstaltung während des Abendessens saß ich zufällig neben einem Zeitzeugen der Operation. Im Gespräch erfuhr ich, daß er äthiopischer Jude sei. Er erzählte mir an dem Abend seine Lebensgeschichte und gleich die ganze Geschichte seines Volkes. Und dabei wurde mir nicht nur die dramatische Tragweite lebendig vor Augen geführt, sondern auch, daß dies eine ganz besondere Geschichte ist.

ABENDBLATT: Wieso haben Sie sich für den Titel "Geh und lebe" entschieden?

MIHAILEANU: Im Französischen sind es drei Worte: "Va, Vis et Deviens". Im Deutschen gibt es dafür nur zwei Worte. Der Filmtitel skizziert ein Tripthychon. Es sind die drei Lebensetappen eines Menschen: 1. Entwurzelung und Reise in ein sicheres Leben. 2. Die Jugendzeit und Entdeckung der Liebe. 3. Die Versöhnung mit dem Leben, indem sich die eigene Bestimmung erfüllt.

ABENDBLATT: Welche Reaktionen erwarten Sie von der Öffentlichkeit in Deutschland auf den Film?

MIHAILEANU: Ich würde mich sehr freuen, wenn die Zuschauer nach diesem Film die wunderbare Geschichte des äthiopischen, jüdischen Volkes verstanden hätten. Ich appelliere besonders an die Mütter. Mütter überwinden durch ihre Fähigkeit, selbstlos zu lieben, alle Grenzen, die durch Religion, Hautfarbe und Rasse entstehen. Die Fähigkeit haben nur Mütter, nicht die Männer, ein Kind zu lieben, wie es ist, es zu retten und dem Leben zuzuführen.

ABENDBLATT: Welches ist die Hauptaussage des Filmes?

MIHAILEANU: Erstens geht es um die Identität. In der modernen Welt sollte man keine Angst vor dem Anderen haben. Wenn man nicht alles negativ sieht, kann man an der Geschichte der Menschheit reich werden. Zweitens, will ich im Film darauf hinweisen, daß großzügige Liebe das Beste in der Welt ist.

ABENDBLATT: Gibt der Film eine Antwort, wie das Integrationsproblem sinnvoll gelöst werden kann?

MIHAILEANU: Der Film kann nur eine Teilantwort geben. Integration ist ohne Empfang nicht möglich. Ein Immigrant, der von niemandem aufgenommen wird, kann sich nicht integrieren. Er muß von vielen Menschen großzügig empfangen werden. Aber er kann sich nur integrieren, wenn er sich bemüht, von anderen aufgenommen zu werden. Dabei müssen ihn die anderen als Teil von sich sehen. Interview:

 

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