Dienstag, 14. Februar 2012, 14:57

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Kino

Zwischen allen Stühlen

"Geh und lebe" erzählt die ergreifende Geschichte eines Flüchtlingsjungen

Operation Moses" - so hieß sinnigerweise eine Luftbrücke, die vom israelischen Geheimdienst und den USA Mitte der 80er Jahre initiiert wurde, um 8000 äthiopische Juden, im übrigen die einzigen schwarzen Juden der Welt, über den Sudan nach Israel zu holen. Im Sog dieses Stroms, der vor Hunger und Dürre flüchtete, versuchten auch Äthiopier christlichen und muslimischen Glaubens ihr Glück. Doch sie wurden gnadenlos zurückgeschickt, wenn man sie entdeckte.

Vor diesem Hintergrund erzählt der neue Film von Radu Mihaileanu ("Zug des Lebens") die ergreifende, mitreißende Geschichte eines neunjährigen, äthiopischen Jungen, dessen richtigen Namen wir nie erfahren. Seine Mutter, eine Christin, gibt ihn als Juden aus und schickt ihn nach Israel - ohne ihn begleiten zu dürfen. Kaum in Tel Aviv angekommen, muß der Junge seine Identität verleugnen. Salomon oder kurz Schlomo heißt er von nun an. Nach einigen Wochen in einem Waisenhaus wird er von einer jüdischen Familie adoptiert, die sich liebevoll und wohlmeinend um ihn kümmert. Einmal sitzen sie abends zu Tisch und sprechen Schlomo zuliebe, dem heimlichen Christen, ein jüdisches Gebet. Eine ebenso anrührende wie komisch-unheimliche Szene. Nur langsam beginnt sich der Junge zu öffnen. Zu schmerzhaft ist der Verlust der Mutter, zu groß die Angst, entdeckt und wieder zurückgeschickt zu werden. Zur Ironie seines Schicksals gehört es, daß er, der Christ, einen jüdischen Jungen beim rituellen Streitgespräch über die Tora aussticht. Später, als Teenager, verliebt sich Schlomo in seine hübsche, kokette Klassenkameradin Sarah. Doch ihr Vater ist voller Vorurteile gegenüber schwarzen Einwanderern. So sitzt Schlomo ständig zwischen den Stühlen, fühlt sich nirgendwo zugehörig. "Va, vis et deviens" - zu deutsch: "Geh, lebe und werde" - heißt der Film im Original und verweist auf seine Einteilung in drei Kapitel, die zahlreiche Aspekte berühren: Identität, Judentum, Rassismus, Familienzugehörigkeit, Mutter-Sohn-Beziehung, schwierige Liebe. Daß der Film unter der Last seiner Themen nicht zusammenbricht, ist vor allem der umsichtigen Regie Radu Mihaileanus zu verdanken. Mit großem epischen Atem entwirrt er die Erzählfäden und überrascht am Schluß mit einem Bild von großer visueller Kraft. Auch lange nach dem Kinobesuch läßt es den Zuschauer nicht los.

Geh und lebe Frankreich 2004, 149 Min., ab 12 Jahren, R: Radu Mihaileanu, D: Yael Abecassis, Roschdy Zem, täglich im Abaton, Zeise; Internet: www.delphi-film.de

 

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