Dienstag, 14. Februar 2012, 20:10

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Kino

Anarchie der Leidenschaft

Weniger exzentrisch als gewohnt hat Pedro Almodóvar Sprich mit ihr inszeniert

Aus der Distanz betrachtet, ist Benigno (Javier Camara) sonderbar. Sein ganzes Leben hat der herzensgute Krankenpfleger der Betreuung der Komapatientin Alicia (Leonor Watling) gewidmet. Tag und Nacht umsorgt er sie, erzählt ihr Erlebnisse aus seinem Alltag. Urlaub braucht er nie, übernimmt stattdessen auch noch die Dienste einer chronisch verhinderten Kollegin. Was niemand im Krankenhaus weiß: Benigno hatte sich schon vor Alicias Unfall in die schöne Balletttänzerin verliebt - nun kann er ihr ganz nah sein. Auch Marco (Dario Grandinetti) kommt täglich ins Krankenhaus. Der Reiseschriftsteller war mit Stierkämpferin Lydia (Rosario Flores) zusammen, doch dann verletzte ein Stier Lydia so schwer, dass sie ins Koma fiel. "Sprich mit ihr", fordert Benigno, den Marco eines Tages zwischen Kaffeeautomat und Besucherstuhl kennenlernt, aber der um seine Liebe Trauernde vermag das nicht. Er verlässt die Stadt, das Land, sucht Abstand - und kehrt zurück, als er erfährt, dass Benigno, mit dem er sich angefreundet hatte, im Gefängnis sitzt: Er soll die komatöse Alicia geschwängert haben. Weniger exzentrisch und schrill als in seinen früheren Filmen, dafür melancholisch und feinfühlig nähert sich Pedro Almodovar den Themen Liebe und Einsamkeit. Es ist wie der Spanier sagt eine "Anarchie der Leidenschaft", die sich besonders in der Geschichte von Benigno und Alicia Bahn bricht. Was sonst in den Abläufen des Alltags und der Arbeitswelt seinen festen Platz hat, was überschaubar und vor allem kontrollierbar erscheint, wird unwägbar angesichts unerfüllter Sehnsüchte. Auch mit einigen inszenatorischen Glanzlichtern hinterlässt Almodóvar bleibende Eindrücke. So trifft eine minutenlange Tanzdarbietung von Pina Bausch ins Herz wie der Auftritt des Sängers Caetano Veloso, wird die Ankleidung der Torera zur faszinierenden Ritualstudie. Und dann ist da noch eine lange Stummfilm-Sequenz, die zu Interpretationen einlädt: Ein Mann schrumpft zu Insektengröße, taumelt über den nackten Körper seiner Geliebten und verschwindet in ihrer Vagina - unübersehbarer Hinweis auf Almodovars Frauenbild, auf sein Empfinden, dass Frauen in Beziehungen stets die Stärkeren sind. Auch in "Sprich mit ihr", denn obwohl formal zwei Männer die Hauptrollen spielen, wird das Geschehen doch durch die (fehlenden) Reaktionen der Frauen bestimmt. Sprich mit ihr Spanien 2002, 116 Min., ab 16 J., R: Pedro Almodóvar, D: Javier Camera, D. Grandinetti, täglich im Abaton, Passage, Zeise

 

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