"Was kann ein Filmemacher in einer von Haß geprägten Situation machen?"
Sally Potter über ihren Film "Yes", Araber und Amerikaner
Eigentlich hätte Sally Potter eine ganz normale Liebesgeschichte mit Leidenschaft und Schmerz und dem ganzen Zeug drehen können. Aber vielleicht wäre gerade das für die britische Regisseurin, die 1947 in London geboren wurde, besonders schwer gewesen. Denn Sally Potter ist eine, die die Grenzen der Konvention fast schon ungeduldig überschreitet. Sie sieht keinen Sinn darin, Filme zu machen, die es schon einmal gegeben hat. Man denke nur an "Orlando" aus dem Jahr 1992, in dem Tilda Swinton einen Charakter spielt, der nicht nur durch die Jahrhunderte flaniert, sondern auch gelegentlich das Geschlecht wechselt.
Nun also "Yes", in dem die Dialoge als Verse gesprochen werden. Welcher Regisseur, welche Regisseurin würde das in einer Zeit, in der das Box-Office die Geschichten vorgibt, überhaupt noch wagen?
Was auf den ersten Blick abschreckend klingt, fällt während des Kinobesuchs kaum auf. "Das Versmaß sollte die Funktion einer tragenden Struktur einnehmen, die selbst unsichtbar bleibt: durchaus gegenwärtig, wenn man darum weiß, aber nicht dazu ausersehen, bewußt gelesen oder gar gehört zu werden, es sei denn unterschwellig", sagt die Regisseurin. Und sie ergänzt: "Ich versuchte, zu einer Form zu gelangen, die es den Figuren ermöglichte, sich aus der Tiefe des Herzens Dinge mitzuteilen, von denen sie selbst überrascht sind."
Ein verblüffendes Konzept. Und gelegentlich zudem überaus komisch.
Sally Potter vermag denn auch gar nicht zu sagen, welchem Genre ihr Film eigentlich zuzuordnen ist - wie sich sich überhaupt weigert, ihr eigenes Werk zu beschreiben oder zu analysieren. Eine Romanze? Ein Drama? Eine Komödie? Ein politischer Film? "Yes" hat von all dem etwas, und das macht diesen Film so einzigartig.
Hervorzuheben ist aber die Tatsache, daß sich hier eine Amerikanerin und ein Araber lieben, das Verhältnis der Geschlechter durch politische und kulturelle Unterschiede noch zusätzlich erschwert wird.
Die Initialzündung für "Yes" war, so berichtet die Regisseurin, der 11. September 2001. "Ich verspürte das dringende Bedürfnis, der rasch zunehmenden Dämonisierung der arabischen Welt im Westen und der gleichzeitig grassierenden Welle von Haß gegen Amerika etwas entgegenzusetzen. Ich stellte mir die Frage: Was kann ein Filmemacher in solch einer von Haß und Angst geprägten Atmosphäre denn eigentlich tun? Welche Geschichten sollte man erzählen?"
Eine Liebesgeschichte, in der es vor allem um das Ringen um Verständnis, um das Bemühen um Respekt geht, lag da am nächsten.
Genauso wichtig wie die beiden Liebenden sind aber auch die Nebenfiguren des Films, vor allem das Dienstmädchen. Es sieht alles und hört alles und kann somit das Geschehen aus erster Hand kommentieren. In einem klinisch sauberen Haus mit streng arrangiertem Mobiliar beseitigt es die Spuren, die das Paar hinterläßt, immer wieder aufs neue.
"She's a good cleaner", sagt Sally Potter lakonisch, auf das Thema der Reinheit angesprochen. Einmal mehr weigert sie sich, einen wichtigen Aspekt ihres Films selbst näher zu beleuchten.
Statt dessen ist sie voll des Lobes für Hauptdarstellerin Joan Allen. "Lange Zeit schon hatte ich Joan Allen für ihre Ernsthaftigkeit und ihre Intelligenz bewundert. Sie verleiht ihrer Figur gleichzeitig etwas Strahlendes und sehr Verletzliches."
Ohne sie wäre "Yes" gar nicht denkbar.



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