Wirklichkeit ohne Stützpfeiler
Ein gefeiertes Experiment mit faszinierenden Bildern: Waking Life von Richard Linklater
Solche Bilder hat man im Kino bisher nicht gesehen: surrealistische Zeichentrick-Gemälde, Magritte'sche Traumlandschaften mit pulsierenden Konturen, farbenfroh und außer Rand und Band. Mit der Digitalkamera hat der texanische Regisseur Richard Linklater ("Slackers") Schauspielfreunde, Kollegen und Akademiker beim Debattieren aufgenommen, die Bilder in den Computer gespeist und sie von 31 Künstlern digital übermalen lassen. Die verzichteten auf feste Umrisse, auf die Gesetze der Realität und lassen die Körper und Landschaften pochen und wogen. Sie entwerfen eine Welt in Aufruhr, eine Wirklichkeit ohne Stützpfeiler, an denen man sich festhalten kann - und sind damit die perfekte Bebilderung für Linklaters philosophische Odyssee, auf der ein namenloser junger Mann (Wiley Wiggins aus "Dazed And Confused") durch eine Stadt irrt und sich verzweifelt bemüht, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Hilfe sucht er bei Freunden und Experten, die Nietzsche, Kierkegaard, Sartre und Garcia Lorca zu Rate ziehen, während Regisseur Steven Soderbergh ("Ocean's Eleven") über ein Leben vom Traum umhüllt monologisiert, ein Psychopath vom Foltern schwärmt und Julie Delpy und Ethan Hawke von der Reinkarnation. Der Vergleich von Traumwelten und Kino ist ein alter. Schon Schriftsteller Robert Musil ("Der Mann ohne Eigenschaften") verglich beides. Luis Buñuel wusste, dass Film den Traum imitiert, und Linklater zieht dieselben Parallelen. Dabei schneidet er viele interessante Fragen an, ist bei den Anworten aber manchmal zu geschwätzig. Von den "Slacker"-Filmen, die ihn bekannt gemacht haben, hat er sich endgültig verabschiedet, ein Experiment mit faszinierenden Bildern und unbequemem Inhalt gewagt und wurde dafür in Sundance und in Venedig euphorisch gefeiert. Waking Life USA 2001, 100 Minuten, ab 12 J., R: Richard Linklater, D: Wiley Wiggins, Trevor Jack Brooks, Julie Delpy, E. Hawke, täglich im Neuen Broadway



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