Es regiert das Schweigen
Der türkische Film "Uzak" ist ein Sinnbild der Entfremdung
Es ist kalt in Istanbul. Das spürt auch Yusuf (Mehmet Emin Toprak), der aus der Provinz in die Metropole am Bosporus gekommen ist, um hier Arbeit zu suchen. Für einige Tage findet er Unterschlupf bei Mahmut (Muzaffer Özdemir), einem Verwandten, der einst als Fotograf hehre Ziele verfolgte, jetzt aber nur noch Aufnahmen für Werbekataloge macht. Doch die Beziehung ist von Anfang an schwierig. Mahmut fühlt sich von dem Eindringling gestört und möchte ihn so schnell wie möglich wieder loswerden. Bezeichnend die Szene, in der er Yusufs Schuhe desinfiziert und mit spitzen Fingern im Schrank verstaut.
Gesprochen wird wenig, und wenn, dann kaum verholen aggressiv (Mahmut) oder zögerlich aus der Defensive heraus (Yusuf); stattdessen reagiert das Schweigen. Eines, das klar macht, wie sehr die Menschen, allen voran der Städter Mahmut, sich in ihren jeweiligen Ego-Kokon eingesponnen haben. Beziehungen haben höchstens noch funktionalen Wert, sie aufrecht zu erhalten, vielleicht sogar Initiative zu zeigen und Opfer zu bringen, lohnt sich in der Regel nicht.
Für die langen Passagen des Stilstands hat der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan beindruckende Bilder gefunden. Leere Straßen, ein verschneiter Hafen und unbewegte Gesichter werden bei ihm zu Sinnbildern einer Entfremdung und Desillusionierung, die nur zum Teil der allgegenwärtigen Wirtschaftskrise geschuldet ist. Vielmehr scheint der großstädtischen Gesellschaft Mitmenschlichkeit und Spiritualität abhanden gekommen zu sein.
Gerade die Abwesenheit von Spiritualität ist es, die Ceylans "Uzak" von den Werken Andrej Tarkowskis ("Solaris", "Nostalghia", "Das Opfer") unterscheidet, mit dem er gelegentlich in einem Atemzug genannt wird. Vermutlich beruht der Vergleich auf einem Mißverständnis. In einer Szene nämlich sitzen Mahmut und Yusuf gemeinsam vor dem Fernseher. Es läuft eine der langen, wortlosen Passagen aus Tarkowskis "Stalker". Schon nach kurzer Zeit gibt Yusuf auf und geht ins Bett. "Mach bitte die Tür zu", ruft Mahmut ihm hinterher, wartet - froh sein Ziel erreicht zu haben - einige Augenblicke, um dann eine Pornokassette in den Rekorder zu legen. Amüsant und selbstironisch, aber gewiss keine künstlerische Hommage an den großen russischen Regisseur. "Uzak" braucht diesen Vergleich auch nicht, sondern hat ganz eigene Qualitäten.
Wer türkisches Kino bisher auf alberne Komödien oder plumpe Hau-drauf-Action reduzierte, muß umdenken.
Uzak Türkei 2002, 110 Minuten, ab 12 Jahren, R: Nuri Bilge Ceylan, D: Muzaffer Özdemir, Mehmet Emin Toprak, Zuhal Gencer Erkaya, täglich im 3001 (OmU); Internet: www.sanartfilm.com



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