21.10.04

"Ich mache keine Unterschiede zwischen schwul und hetero"

Regisseur François Ozon über "5 × 2" und seine anderen Filme

François Ozon gilt als der wichtigste Filmemacher seiner Generation in Frankreich. International bekannt wurde er mit seiner Fassbinder-Adaption "Tropfen auf heiße Steine", die 2000 im Wettbewerb der Berlinale lief. Es folgten "Unter dem Sand" (2001) mit Charlotte Rampling, die auch in "Swimming Pool" (2003) die Hauptrolle spielte. Zum Erfolg wurde auch in Deutschland das schräge Kammerspiel "8 Frauen", das von Catherine Deneuve über Isabelle Huppert bis Emmanuelle Beart die französischen Diven vor der Kamera vereinte.

ABENDBLATT: Ihr Film beginnt mit dem Ende einer Liebe und geht dann in fünf Episoden zurück an deren Anfang. Ist das nicht ein sehr pessimistischer Blick auf die Liebe?

FRANÇOIS OZON: Nein, überhaupt nicht. Der Film hört mit dem Anfang der Liebe auf, mit der Schönheit und der Hoffnung, die in diesem Moment steckt. Es gibt immer einen Anfang und ein Ende. Das ist nicht pessimistisch, sondern klarsichtig. Das Wichtigste ist, daß man trotzdem an den Anfang glaubt.

ABENDBLATT: Trotzdem scheint die Scheidungssequenz zu Beginn alles zu überschatten . . .

OZON: Das ist Ihre Interpretation. Aber ich denke, alles hat ein Ende, und es ist gut, sich das vor Augen zu führen, weil man dann die schönen Momente einer Beziehung besser genießen kann.

ABENDBLATT: In Ihren bisherigen Filmen haben Sie klassische Paarbeziehungen eher gemieden.

OZON: In der Fassbinder-Adaption "Tropfen auf heiße Steine" habe ich eine solche Beziehung schon einmal behandelt. Das war zwar ein schwules Paar, aber es ging um die universellen Probleme einer Paarbeziehung. Nur der Kontext war ein anderer. Dort ging es um einen Jugendlichen, der eine bestimmte Art der Liebe entdeckt. In "5 × 2" wollte ich auf meine Generation schauen. Ich wollte mir ansehen, wie Leute, die um die 30 sind, mit der Liebe umgehen und in welchem Zustand sich diese Generation befindet.

ABENDBLATT: Welche Bedeutung haben Ihre persönlichen Erfahrungen für Ihre Filmarbeit?

OZON: Ich war nie verheiratet oder geschieden. Aber ich habe viele Trennungen erlebt. Meine Erfahrung treibt meine Filmarbeit an. In "Swimming Pool" spielt Charlotte Rampling eine Figur, die aus ihrer Umgebung Dinge mit in ihre Arbeit als Schriftstellerin aufnimmt. Das tue ich auch gern.

ABENDBLATT: In einer Szene, in der Gilles' Bruder mit seinem Liebhaber das Paar besucht, stellen Sie das bürgerliche Heteropaar dem libertären Homopaar gegenüber. Hatten Sie da keine Angst vor Klischees?

OZON: Ich wollte einen Spiegeleffekt zwischen den verschiedenen Paarbeziehungen herstellen. Es ging weniger darum, ein homo- und ein heterosexuelles Paar einander gegenüberzustellen, sondern verschiedene Lebensstile miteinander zu konfrontieren. Das klassische Paar idyllisiert vielleicht das schwule Paar, obwohl das auch seine eigenen Probleme hat.

ABENDBLATT: Die Durchlässigkeit zwischen Homo- und Heterosexualität ist in all Ihren Filmen ein wichtiges Element.

OZON: Ich mache keine Unterschiede zwischen schwul und hetero. Ich rede nur von Liebe und Paaren. Fassbinder sagte, daß Homosexuelle versuchen, das heterosexuelle Modell zu reproduzieren, was man heute an der Homo-Ehe sieht.

ABENDBLATT: Gilles ist am Anfang der Beziehung ein sehr selbstbewußter Mann und am Ende äußerst derangiert. Marion hingegen scheint gestärkt aus der Krise zu gehen.

OZON: Frauen haben heute in vielen Lebensbereichen Qualitäten entwickelt, gerade weil sie in der Lage sind, aus einer Krise zu lernen. Gilles verinnerlicht die Dinge mehr und kann nicht weitergehen, während Marion in der Lage ist, ein neues Kapitel aufzublättern. Das ist in unserer Zeit weit verbreitet.

ABENDBLATT: Glauben Sie, Gilles und Marion wären in der Lage, so auf ihre Beziehung zurückzublicken, wie Sie es mit diesem Film tun?

OZON: Marion hätte eine gute Chance, die Beziehung so zu sehen, wie der Film sie zeigt. Ich fühle mich ihrer Position am nächsten. Das Problem mit Gilles ist, daß er immer wieder das gleiche Muster wiederholt. Er ist in seinem Wiederholungszwang gefangen.

ABENDBLATT: Ist "5 × 2" ein Film über die Vergänglichkeit?

OZON: Man kann in dem Moment, in dem etwas geschieht, nie wissen, welche Bedeutung es später haben wird. Wenn Gilles in der Hochzeitsnacht betrunken einschläft, macht das Marion in diesem Moment nichts aus. Aber in zehn Jahren erzählt sie vielleicht: Stell dir vor, er ist in meiner Hochzeitsnacht eingeschlafen. Wir sehen hier ein Paar, dem es an der Oberfläche sehr gut geht, aber man sieht schon die Risse darunter.

Interview: MARTIN SCHWICKERT

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