Sonntag, 27. Mai 2012, 08:36

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Kino

"Wir verkaufen unsere Körper"

Emmanuelle Béart spielt die Nathalie. Im Interview gibt sie sehr persönliche Einsichten

ABENDBLATT: Madame Beart, Sie spielen eine Prostituierte. Haben Sie sich im Milieu umgesehen?

EMMANUELLE BÉART: Es war keine Recherche im normalen Sinn, aber es war mein Wunsch, solchen Frauen zu begegnen, um später gerade keine Stereotypen zu kreieren. Ich wollte diese Frauen sehen, mit ihnen reden, sie fragen, was sie fühlen. Sie sind Doppel-Persönlichkeiten, spielen nachts eine Rolle und legen sie ab, sobald sie die Clubs wieder verlassen. Es ist ihr Metier, ihren Körper zu verkaufen. Und nur dabei funktionieren sie vielleicht wie Automaten. Daher hätte ich meine Rolle auch gern gespielt, ohne diese Frauen vorher sehen zu müssen.

Wenn ich in meinem Leben nicht so gut verdienen würde, würde ich beinahe sagen, wir sind in gewisser Weise auch Prostituierte, wir Schauspieler, die wir unsere Körper verkaufen, unsere Identitäten ändern, Fantasmen und Begierden anderer bedienen. Das ist eine Form der Prostitution.

ABENDBLATT: Hatten Sie Angst vor der Rolle?

BÉART: Nein. Ich habe in meiner Vorstellungskraft keine Grenzen, alles ist möglich. Und ich sage mir, warum sollte ich das nicht können? Die Antwort ist, in der Arbeit alles zu wagen, auch, sich zu täuschen. In meiner Vorstellung habe ich vor nichts und niemandem Angst.

ABENDBLATT: Ist Ihr attraktives Äußeres für Sie hinderlich oder förderlich, gerade bei der Rollenauswahl?

BÉART: Man empfindet sich selbst nie so, wie es andere tun. Früher, als junge Frau, empfand ich mich als hässlich, fühlte mich nicht wohl in meiner Haut. Aber in allen meinen späteren Filmen von Claude Sautet, Andre Techine, Claude Chabrol - da war das Äußere nicht ausschlaggebend.

ABENDBLATT: Sie erwähnten gerade Sautet, mit dem Sie zweimal gearbeitet haben. Von vielen wird er als Meister der Klarheit bezeichnet. Hat er Sie beeinflusst?

BÉART: Ja, er war für mich ein spiritueller Vater. Es war eine Begegnung mit jemandem, bei dem man spürt, er wird dir helfen, jemand, der viel älter war, viel erfahrener. Die Obsession Sautets, seine Hartnäckigkeit und Schärfe, hat mir später das Gefühl gegeben, eine viel größere Welt eröffnet bekommen zu haben. Nach diesem Tanz beherrschte ich alle Tänze. Das war wie eine Grundausbildung, eine feste Basis. Sautet ertrug auch keine falschen Gesten, ertrug nichts, was den Schauspielern den Blick nahm.Interview: THILO WYDRA

 

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