Harvey Keitel auf den Spuren vergangener Kultur in Osteuropa
"Dieses Jahr in Czernowitz", eine bewegende Doku von Volker Koepp
Harvey Keitel sollte wohl etwas Glamour bringen in die Spurensuche vergangener Kultur im osteuropäischen Czernowitz, aus dessen Nähe auch seine Mutter kommt. Der Schauspieler schultert den Künstlerschal und plaudert mit Auswanderern, bedauert, dass immer noch so viele Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden - und lässt sich schließlich vor dem Geburtshaus von Paul Celan nieder, der ebenso aus Czernowitz stammt.
Dazwischen liegen Erinnerungen, Nachdenken über Heimat, über Entwurzelung und die Familiengeschichte von Emigranten aus Czernowitz, die über die ganze Welt verstreut sind - und mehr zu erzählen haben als der Hollywood-Star, der irgendwann bedeutungsvoll sagt: "Ich vermisse es, obwohl ich es gar nicht kenne."
Ganz anders Eduard Weissmann. Der Cellist bei den Berliner Symphonikern erinnert an seine Großmutter, zu der ein SS-Mann sagte: "Komm Oma, du stirbst bei uns." Die Wienerin Evelyne Mayer resümiert, wie sie unruhig von Stadt zu Stadt gezogen ist, und der wunderbare Johann Schlamp (89), der wohl letzte Deutsche, der in Czernowitz lebt, kämpft schelmisch gegen die düsteren Erinnerungen an, flirtet mit der Kamera.
In präzisen, geduldigen Bildern, langen Einstellungen und Liebe zu den Menschen lässt Regisseur Volker Koepp ("Kurische Nehrung") Czernowitz lebendig werden. Mehr als 150 000 Menschen wohnten einst in der bukowinischen Metropole; Ukrainer, Polen, Deutsche und Rumänen lebten friedlich zusammen - und waren kosmopolitisch. Jeder soll fünf Sprachen gesprochen haben; im Cafe Europa lagen mehr als 100 Zeitungen aus. Ein Idyll - bis 100 000 Einwohner von den Nazis ermordet wurden. Czernowitz war rumänisch, sowjetisch, heute ist die Stadt ukrainisch - und die jüdische Kultur stirbt aus. Zuletzt mit Frau Zuckermann, zu der Koepp sechs Jahre nach seinem Kino-Erfolg "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" zurückkehrte, die jedoch kurz vor den Dreharbeiten starb.
"Es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten", hat Paul Celan über seine Heimat gesagt. Am Ende liest Harvey Keitel dessen erschütterndes Gedicht "Es war Erde in ihnen". Er ist verunsichert, bewegt - und die Worte siegen über seine Pose.
Dieses Jahr in Czernowitz D 2004, 134 Min., ab 12 Jahren, R: Volker Koepp, täglich im 3001, Zeise



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