Wo genau ist der Mittelpunkt?
Regisseur Stanislaw Mucha sucht in seiner sehenswerten Dokumentation "Die Mitte" das Zentrum Europas
Für Napoleon lag Europas Mitte im österreichischen Braunau, wo japanische Touristen heute Hitlers Geburtshaus fotografieren. Herr Machalett ortet das geographische Zentrum bei den Externsteinen im Teutoburger Wald, wo Rudolf Steiner einst den Sitz der deutschen Volksseele ausmachte. Herr Schmidt hat den Mittelpunkt im eigenen Garten mit einem Zwerg markiert und wird vor laufender Kamera von der Erkenntnis getroffen, dass alles weitergehe, denn Europa soll ja verändert werden.
Noch vor der Osterweiterung hat sich der in Polen geborene Filmemacher Stanislaw Mucha ("Absolut Warhola") auf die Suche nach Europas Mitte gemacht. Auf dem Weg nach Osten bis in die Ukraine wächst die Zahl der schwarzen Kreuze auf der mitgeführten Landkarte. Man ahnt nicht, wie viele akribisch ausgemessene und geowissenschaftlich untermauerte Zentren der Kontinent aufzuweisen hat. Von den mythischen, ideologischen und subjektiven ganz zu schweigen. Die zahlreichen Mittelpunkte Europas sind die Marksteine einer Dokumentation, die an die Ränder des gesamteuropäischen Bewusstseins führt.
In der Armut Polens, Litauens und der Ukraine, in der Muchas Film sein Zentrum hat, zerrinnt der Gedanke zwischen Verbitterung und Galgenhumor. "Wir haben nichts zum Leben, aber sie machen aus allem Europa", heißt es dort, wo die Verlierer des Gedankens ihre Existanzängste mit Wodka betäuben und wo Selbstmorde zum finsteren Running Gag des Alltags werden
Tragikomisch ist diese Dokumentation, die eine politische Vision scheinbar en passant dekonstruiert. Die Suche nach der Mitte ist eine Suche nach dem Europa in den Köpfen, da sich zwischen Anmaßung, Ignoranz und Resignation kein gemeinsamer Fokus finden lässt. Sie bewegt sich doch, die Mitte Europas. Oder wie es ein Osteuropäer formuliert: "Sie können in die Hose scheißen, aber sie werden es nicht herausfinden."
Die Mitte D 2004, 85 Min., o. A., R: Stanislaw Mucha; täglich im Zeise; Internet: www.ventura-film.de



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