Langeweile - bis zur tödlichen Perversion
Täter und Opfer eines Massakers an einer US-Schule: Gus Van Sants manchmal ermüdender Film "Elephant" wirkt durch seine Ästhetik
Der Tag beginnt mit einem harmlosen Knall und endet in einer Katastrophe - mit einem Massaker, bei dem ein Dutzend Teenager sterben. Wahllos von ihren Mördern ausgewählt, beiläufig erschossen. Dazwischen zeigt Regisseur Gus Van Sant den Tag an einer x-beliebigen amerikanischen High School, beschreibt die alltägliche Schulatmosphäre, in die das Unbegreifliche einbricht, fährt mit der Kamera durch das Labyrinth der Schulkorridore, durch die Schüler in Richtung Mensa, Bibliothek oder Klassenraum schlendern.
Das Massaker von Columbine 1999, bei dem 15 Menschen starben, und andere Schießereien in amerikanischen Schulen war Gus Van Sants Ausgangspunkt für "Elephant". Allerdings versucht der 51 Jahre alte Regisseur in seinem Film nicht, die Gewalt zu erklären. Er liefert kein Psychogramm der beiden Täter Alex (Alex Frost) und Eric (Eric Deulen), aus dem der Zuschauer schließen könnte, was sie zu ihrem mörderischen Handeln treibt. Man sieht, wie sie eine Dokumentation über Hitler im Fernsehen verfolgen, man erkennt, dass sie Waffennarren sind, einer von ihnen spielt Beethoven auf dem Klavier, sie küssen sich. Zu wenig als Ansatzpunkt für einen Mord.
Van Sant zeigt 70 Minuten lang die Opfer. Doch hier liegt der Haken des Films. Das, was auf den Fluren, auf dem Schulhof und in der Cafeteria an Gesprächen und an Begegnungen abläuft, ist unglaublich banal und auf Dauer ermüdend. Van Sants Ansatz wirkt dokumentarisch, doch "Elephant" ist eben keine Dokumentation, sondern Fiktion.
Dabei beginnt der Film spannend, denn den Knall verursacht Mr. McFarland (Timothy Bottoms), der seinen Sohn John (John Robinson) zur Schule gebracht hat - allerdings schon so betrunken, dass er die Kontrolle über seinen Wagen verliert und ein parkendes Auto rammt. John muss sich vor Schulbeginn um seinen Vater kümmern, eine Familientragödie wird hier angedeutet, aber im weiteren Verlauf nicht wieder aufgenommen. Van Sant zeigt Begegnungen zwischen Schülern aus unterschiedlichen Kameraperspektiven, aber der Sinn wird nicht deutlich. "Elephant" erzählt keine Geschichte, der Zuschauer sieht ein Kommen und Gehen, bekommt eine Ahnung davon, wie öde ein Schultag aussehen kann. Aber vielleicht wollte Van Sant genau das zeigen: einen langweiligen Tag, an dem nichts passiert. Der aber Schüler wie Alex und Eric auf geradezu perverse Art zu ihrer tödlichen Aktion provoziert.
Zuschauer, die ins Kino gehen, um unterhalten zu werden, oder eine Erkenntnis mit nach Hause nehmen wollen, sollten um Van Sants 81 Minuten langen Streifen einen Bogen machen. Interessant ist er wegen seiner ungewöhnlichen Ästhetik eher für Cineasten. Auch die Jury in Cannes attestierte "Elephant" 2003 große Qualitäten und zeichnete ihn mit der "Goldenen Palme" aus.
Elephant USA 2003, 81 Min., ab 12 J., R: Gus Van Sant, D: Alex Frost, Eric Deulen, John Robinson, Timothy Bottoms, täglich im Abaton, Internet: www.elephant-derfilm.de



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