Dienstag, 14. Februar 2012, 21:44

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Kino

"Ich wurde wie ein Aussätziger behandelt"

Interview mit "Balzac"- Regisseur Dai Sijie

ABENDBLATT: Sie wurden wie Ihre Figuren im Film während der maoistischen Kulturrevolution zur Umerziehung aufs Land geschickt. Welche Spuren hat das Arbeitslager bei Ihnen hinterlassen?

DAI SIJIE: Mit 17 Jahren wurde ich als Arztsohn in ein Bergdorf geschickt, das ich mit 21 Jahren wieder verlassen konnte. Ich wurde wie ein Aussätziger behandelt, nur weil ich aus der privilegierten Gesellschaftsschicht kam. Die Bauern konnten uns nicht umerziehen, weil sie nicht lesen und schreiben konnten. Analphabeten denken eben anders.

ABENDBLATT: In Ihrem Film schaffen die verbotenen Bücher Freiräume, die das Leben der Figuren verändert. Haben Sie diese Macht der Wörter selber erlebt?

SIJIE: Ja. Wie bei vielen anderen chinesischen Jugendlichen meiner Generation hat sich mein Leben geändert, als ich auf die in China verbotene westliche Literatur stieß. Diese Bücher haben uns vor allem eins gelehrt, individuell zu sein.

ABENBDBLATT: Welche Bücher haben Sie als Jugendlicher besonders beeindruckt?

SIJIE: Romain Rolland hatte in seinem vierbändigen Roman "Jean Christophe" von dem Überlebenskampf eines deutschen Musikers in einer ignoranten Gesellschaft erzählt. Vielen wird das banal erscheinen, aber mich interessierte eben als Chinese brennend, wie man als Einzelner in einer Gesellschaft existieren konnte.

ABENDBLATT: Erinnern Sie sich in Ihrem Film an Ihre erste Liebe?

SIJIE: Ja, diese kleine Schneiderin gab es wirklich, auch wenn ich sie im Film idealisiert habe. Ihre Beziehung zu meinem Freund war in Wirklichkeit viel komplizierter. Sie hat ihn immer wieder verlassen, um dann zurückzukehren. Ihre Liebesgeschichte war nicht so romantisch wie im Film. Aber meine Liebe zu diesem Mädchen hat mich zu dieser Geschichte inspiriert.

ABENDBLATT: Ihre Figuren entdecken die Literatur und die Liebe beinahe gleichzeitig. Haben Worte für Sie eine besondere Erotik?

SIJIE: Oh ja! Natürlich kann man die Liebe und die Sexualität ohne Bücher entdecken. Aber für uns war die Liebe und die Literatur eng miteinander verbunden. In den 70er-Jahren wurde uns in der chinesischen Gesellschaft alles verboten. Da gab es keine Musik, kein Fernsehen, kein Radio, keine westliche Literatur. Natürlich konnten wir im Umerziehungslager sehen, wie die Bauern miteinander schliefen. Aber die Literatur machte den Sex eben ein wenig romantischer: Wir fühlten uns individueller.

Interview: MARCUS ROTHE

 

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