"Ich träumte von den Nazis"
In Venedig gewann Katja Riemann jüngst den Goldenen Löwen. Ein Interview mit der Schauspielerin
ABENDBLATT: Spielen Sie lieber in Komödien oder lieber dramatische Rollen wie jetzt in "Rosenstraße"? KATJA RIEMANN: In solchen Dimensionen denke ich nicht. Es geht immer darum, was man gerade macht. Ich weiß nicht mal, was nächstes Jahr sein wird. Interessant ist nur, älter zu werden. Man wird reifer, wandelt sich als Mensch, und damit verwandelt sich auch die Schauspielerei. Vor "Rosenstraße" hatte ich lange keinen Film mehr gedreht, widmete mich mehr der Musik und dem Theater. Deshalb war ich nur gespannt, wie es sich anfühlt, eine so anspruchsvolle Rolle zu spielen. ABENDBLATT: Kam Ihnen nie der Gedanke, als Schauspielerin unterschätzt zu werden? RIEMANN: Ich bin schon froh, wenn die Kritik mal ein bisschen milder mit mir umgeht. Nichts gegen konstruktive Kritik, aber wo liest man die schon. Manchmal habe ich es auch satt, über mich und meinen Beruf zu reden. Ich habe den missionarischen Anspruch verloren, allen erklären zu wollen, was Schauspielerei ist. Ein Chirurg erklärt Ihnen auch nicht, wie er eine Herzoperation durchführt. ABENDBLATT: Aber es gibt doch sicherlich einen Unterschied, ob man eine historische oder gegenwärtige Rolle spielt? RIEMANN: Sicher. Es reicht nicht, sich einfach nur ein altes Kostüm anzuziehen und durch die Bretterkulisse zu schreiten. Ich habe mich intensiv auf diese Rolle vorbereitet und sehr viel gelesen, um mir eine Vorstellung vom damaligen Berlin zu machen. Ich las Biografien von Zeitzeugen und das Buch von Maria von Marzahn, die das Vorbild für meine Rolle war. So setzte sich alles zusammen, und als ich sogar von Nazis träumte, wusste ich, dass ich angekommen war. Ich fühlte mich zurückversetzt ins Jahr 1943. ABENDBLATT: Eine schmerzliche Erfahrung? RIEMANN: Mir kam es so vor, als hätte ich die Zeit selbst erlebt. Das passiert einem nicht alle Tage, solche Rollen bleiben die Ausnahme. Wenn ich könnte, würde ich nur noch solche Rollen annehmen, weil sie meinem Anspruch entsprechen, als Schauspielerin einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Ich kläre sozusagen auf, fülle Lücken, weil die Geschichte der Rosenstraße erst Anfang der 90er-Jahre bekannt geworden ist. ABENDBLATT: Reden Sie mit ihrer kleinen Tochter über ein solches Thema? RIEMANN: Natürlich kriegt sie mit, wenn ich mir Sorgen mache, zum Beispiel, als der Krieg im Irak ausbrach und ich fast nur noch vorm Fernseher saß. Sie fürchtet sich vor Krieg, weil sie von ihrer Großmutter sensibilisiert wurde, die genau berichten konnte, wie sie den Krieg erlebt hat. Sie weiß auch vom Holocaust, und meinte, dass wäre doch so, als wenn man jetzt alle Blonden oder Blauäugigen in den Tod schicken würde. Sie hatte es auf den Punkt gebracht. ABENDBLATT: Neben der Schauspielerei singen und schreiben Sie auch. Warum ist Ihnen diese künstlerische Vielfalt so wichtig? RIEMANN: Es geht mir immer darum, eine Geschichte zu erzählen. Ich will die Menschen erreichen, ihnen meine Emotionen und Gedanken vermitteln. Wenn ich sie dadurch auch noch emotional berühren kann, dann habe ich ganz viel erreicht. Interview: MARKUS TSCHIEDERT













