Liebe hinter dem Schleier
Der iranische Regisseur Majid Majidi hat mit Baran ein eindringliches Flüchtlingsdrama gedreht
Was für eine Überraschung! Als Lateef (Hossein Abendini), ein junger Arbeiter auf einer Baustelle irgendwo im Iran, hinter den Vorhang der Teeküche blickt, sieht er nicht etwa einen Kollegen, sondern eine junge, schöne Frau, die sich sorgsam die langen schwarzen Haare kämmt. Wie gebannt schaut Lateef ihr zu. Und schon bald ist es um ihn geschehen. Der Beginn einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte, in der die Liebenden kein Wort miteinander wechseln, der Zuschauer nicht einmal sicher sein kann, dass die Frau die Gefühle des Mannes erwidert. Lateefs Objekt der Begierde heißt Baran. Als taubstummer Junge getarnt, war das afghanische Flüchtlingsmädchen auf die Baustelle gekommen, um ihren verletzten Vater zu ersetzen und so zum Unterhalt der Familie beizutragen. Doch zum Schleppen der Zementsäcke ist sie zu schwach, zum Mauern zu ungeschickt. Darum soll Baran fortan die Arbeiter mit Tee und Essen versorgen. Ein Job, den bislang der aufbrausende und tolpatschige Lateef besorgte. Wütend reagiert er auf die Degradierung und legt Baran Steine in den Weg, wo es nur geht. Bis er ihr Geheimnis entdeckt. Der iranische Regisseur Majid Majidi wurde in Deutschland vor allem durch seine Filme "Kinder des Himmels" und "Die Farben des Paradieses" bekannt. Nun nimmt er sich - wie zuvor schon Hassan Yekratanah in "Djomeh" - des Schicksals afghanischer Flüchtlinge im Iran an. 1,5 Millionen sind es - unwillkommene Gäste, die ohne Papiere und Arbeitserlaubnis ums Überleben kämpfen. Aufmerksam verfolgt Majidi ihren Alltag. Dabei bedient er sich wie gewohnt einer symbolhaften Bildsprache und eines klaren, strengen Stils. Besonders der dunkle Rohbau, verstellt mit Teerfässern und abgeteilt durch Vorhänge, wirkt seltsam unbelebt und abweisend; ein düsterer Irrgarten, in den kaum Licht fällt. Dass hier einmal Menschen wohnen sollen, ist kaum vorstellbar. Später wird der Film in freier Natur spielen. Endlich ist der Blick auf den Himmel frei, leuchten die Farben ein wenig kräftiger. Doch da ist es für Baran und Lateef bereits zu spät. MICHAEL RANZE Baran Iran 2001, 95 Min., ab 12 J., R: Majid Majidi, D: Zahra Bahrami, Hossein Abendini, Mohammad Amir Naji, Abbas Rahimi, täglich im 3001



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