Beckenbauer wäre ihm lieber gewesen
Bislang gab es vom Regisseur des "Fliegenden Klassenzimmers", Tomy Wigand, nur einen einzigen Kinofilm. Der trug den schönen proletarischen Titel "Fußball ist unser Leben". Darüber haben auch Leute sehr gelacht, die sich für das Ding an sich sonst nicht die Bohne interessieren.
Deshalb ist es zu bedauern, dass Wigand sein Beckenbauer-Projekt erst mal auf Eis gelegt hat. Das, beteuert der 50-jährige Schwabe, habe mit den säuerlichen Reaktionen des Fußball-Kaisers überhaupt nichts zu tun. Wer das glaube, kenne ihn, Tomy Wigand, nicht: "Das ist doch mir wurscht!" Zugegeben, der Herr Beckenbauer habe ihm durch einen Anwalt mitteilen lassen, dass er schwer was dagegen habe, dass man sein Leben verfilme "aber ich lasse mir doch von niemandem verbieten, einen Film zu machen!"
Nun ja. Weil die Beckenbauer-Sache "im Augenblick irgendwie gelaufen ist", hat sich Tomy Wigand dazu breitschlagen lassen, "Das fliegende Klassenzimmer" zu verfilmen. Weil sich Kästner gerade gut verkauft und weil sich die Produzenten mit zweiten und dritten Aufgüssen immer auf der sicheren Seite wähnen. In diesem Fall sind das Uschi Reich und Peter Zenk, die seit 1999 schon Neufassungen von "Pünktchen und Anton" und "Emil und die Detektive" in die Kinos gebracht haben. Filme, die relativ viel Geld einspielten.
Er habe das Angebot von Reich und Zenk einfach nicht ablehnen können, sagt Wigand rückblickend, und man sieht, dass ihn die Frage nach den Gründen in Erklärungsnöte bringt. Letzten Endes zieht sich Wigand auf die Moral zurück. Redet von Freundschaft, Mut und Vertrauen, von verlorenen Werten, die man bei Kästner wiederfinden könne. Und muss dann doch zugeben, dass Kurt Hoffmanns Verfilmung von 1954 die wunderbar warmherzige mit Paul Dahlke als Justus und Paul Klinger als Nichtraucher, zu der Erich Kästner noch selbst das Drehbuch schrieb gar nicht zu überbieten ist. Und dass sich Kollege Werner Jacobs daran schon 1973 verhoben hat.
Warum also geht einer, der in der ersten Hälfte seines Berufslebens als Cutter gearbeitet hat, so ein Risiko ein? Vielleicht, weil Angebote für Kinofilme nicht sehr oft kommen. Tomy Wigand, auf dessen Konto außer "Fußball ist unser Leben" bislang nur drei Fernsehfilme gehen, hat einen handwerklich ordentlichen Film abgeliefert. Er hat die Geschichte vom kleinen Uli, von Matz, Martin und Jonathan nach Leipzig verlegt. Zu den Thomanern, die so schöne blaue Matrosenanzüge tragen, wenn sie singen, was sich vor der Kamera natürlich prächtig ausnimmt.
Und Mädchen gibt es bei Wigand auch. Angeblich, weil man sich heute kein Internat mehr vorstellen kann, in dem nur Jungen leben. In Wahrheit natürlich deshalb, weil die Produzenten ans Publikum denken, in dem sie nicht nur Jungs, sondern auch Mädchen sitzen sehen wollen. Deshalb muss sich Kästner 29 Jahre nach seinem Tod gefallen lassen, dass man ihn ein bisschen umfrisiert. So ganz "werkgetreu", wie Reich und Zenk behaupten, ist die Chose also nicht.
Tomy Wigand denkt inzwischen über seinen nächsten Film nach. Eine Dreiecksgeschichte im Kleinkriminellen-Milieu. Für "Das fliegende Klassenzimmer", sagt er mit einem fast entschuldigenden Lächeln, sei er ja nicht allein verantwortlich, da gebe es ja auch noch die Produzenten . . .



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