28.02.13

Paralympics

Sportler, die ohne Beine weiter gehen

Der Dokumentarfilm "Gold – Du kannst mehr als du denkst" lebt von Kirsten Bruhns ehrlichen Bekenntnissen. Das rettet ihn davor, in der süßlichen Inspirationsrethorik des Titels unterzugehen.

Von Barbara Schweizerhof

Alle Sporttreibenden, auch wenn sie nicht für Olympia trainieren, kennen das Gefühl: wie man beim Schwimmen, Laufen oder Radfahren sich selbst vergisst und ganz dem eigenen Körper und seinen Fähigkeiten überlässt. Es ist dieses "Flow"-Erlebnis, an das Regisseur Michael Hammon in seinem Dokumentarfilm "Gold – Du kannst mehr als du denkst" gewissermaßen mit den ersten Bildern anknüpft: Da sieht man das weite, blaue Meer und darin eine Schwimmerin, die mit vollkommen regelmäßigen Armschlägen ihre Bahn zieht.

Wer käme da auf die Idee, dass sie behindert wäre? Oder auch anders gefragt: Wie "behindert" ist jemand, der so schwimmen kann? Der in Südafrika geborene Hammon, der vor mehr als zwanzig Jahren an der DFFB studierte, hat seither vor allem als Kameramann gearbeitet, was man seinem Film in positiver Weise ansieht. Er denkt gewissermaßen in Bildern – und fordert das Denken des Zuschauers in Bildern heraus.

Die schöne Schwimmerin bekommt der Zuschauer bald als Kirsten Bruhn vorgestellt, ihres Zeichens zigfache Welt- und Europameisterin in diversen Schwimmdisziplinen und dreifache Goldmedaillenträgerin – der Paralympics. Denn Kirsten Bruhn ist querschnittgelähmt. Außerhalb des Wassers muss sie sich im Rollstuhl bewegen. Den Kontrast des "assistierten" Fortbewegens an Land und Kirstens freien, kraftvollen Bewegungen im Wasser setzt Hammon immer wieder ein und hält so rein visuell eine wichtige Grundfrage dieses Filmprojekts offen: Was bedeutet das überhaupt, Körperbehinderung?

Behinderung ist nicht gleich Unfähigkeit

Im Englischen lässt sich dafür eine griffige Formel finden: "Disability is not the same as Inability" – Behinderung ist nicht gleich Unfähigkeit. So bringt es der zweite Protagonist in "Gold – du kannst mehr als du denkst" irgendwann auf den Punkt. Es handelt sich dabei um den blinden kenianischen Langstreckenläufer Henry Wanyoike, auch er mehrfacher Medaillengewinner in verschiedenen Laufdisziplinen. Ihn führt der Film zunächst als gewandten Sportler seines Faches ein – beim lockeren Lauf durch die Landschaft seiner Heimat. allenfalls die Schnur, die ihn mit seinem Mitläufer verbindet, weist darauf hin, dass Henry seinerseits auf Assistenz angewiesen sein könnte – nicht beim Laufen, sondern beim Sehen.

Möglichst keine Hilfe zu brauchen ist dagegen das Credo des dritten Sportlers und Olympioniken, den Hammon in seiner Doku auf dem Weg zu den Paralympics 2012 in London begleitet. Der Australier Kurt Fearnley hat als Rennrollstuhlfahrer schon mehrfach Gold gewonnen und man hört ihn aus dem Off das eigene Bild in seinem Sport kommentieren: Er passe doch einfach perfekt auf seinen "Rennstuhl". Kurt ist im Unterschied zu den anderen mit seiner Behinderung auf die Welt gekommen. Schon von klein auf musste er lernen, sich trotz seiner verkrüppelten Beine zu bewegen. Der Film zeigt ihn in einer langen Sequenz beim Spaziergang mit dem Vater in der Natur. Kraftvoll, wagemutig und vor allem voller Bewegungsfreude robbt und kriecht Kurt da querfeldein, kein Stacheldraht kann ihn am Fortkommen hindern.

Es sind solche Szenen und Sequenzen, die die Stärke von Hammons Dokumentation ausmachen. In anderer Hinsicht nämlich folgt "Gold – Du kannst mehr als du kannst" allzu brav den Regeln des Fernsehfeatures, das immer dann, wenn man als Zuschauer einem Protagonisten näher gekommen ist, zum nächsten springt. Ebenso brav wird in verdaubaren Bissen die jeweilige Vorgeschichte erzählt. In allen drei Fällen wird sie als "tragisch" geschildert, ein Unfall, eine Krankheit, ein Geburtsfehler, der noch nach all den Jahren Tränen vor allem in die Augen der Angehörigen treibt. Nur Kirsten Bruhn erhält in längeren Passagen die Gelegenheit, etwas ausführlicher von ihrem Trauma und all den Zwiespältigkeiten seiner Überwindung zu berichten. Ihre absolut ehrlichen Bekenntnisse lassen nicht unberührt – und bewahren den Film davor, in der süßlichen Inspirationsrethorik des Titels ("Du kannst mehr als du denkst!") unterzugehen.

Paralympics spielen im Film keine große Rolle

Auch das "Gold" im Titel führt eigentlich in die Irre, denn die Paralympics in London 2012 spielen letztendlich im Film eine sehr untergeordnete Rolle. Vielleicht zu sehr auf seine Protagonisten konzentriert, weitet Hammon erst ganz am Schluss den Blick und zeigt in einer Montage all die einarmigen Tischtennisspieler, beinlosen Volleyballer, blinden Fußballer und auf "Blades" sprintenden Läufer (ja, auch Oscar Pistorius ist dabei), die die Faszination der Spiele ausmachen.

So als Gemeinschaft vorgeführt erscheint die Frage nach den jeweiligen "tragischen" Vorgeschichten plötzlich nebensächlich. Wie überhaupt viele der interessantesten Fragen am Ende unbeantwortet bleiben. Wie funktioniert das mit den Kategorien? Gibt es Doping? Gibt es Neid auf den graduell weniger behinderten Athleten? Aber vielleicht sollte man diese Offenheit eher als Verdienst denn als Mangel des Films ansehen. Schließlich hätte man sich die Fragen ohne diese Dokumentation gar nicht gestellt.

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