28.02.13

"3096 Tage"

"Der Fall Kampusch weckte Urängste in uns"

Ein Himmelfahrtskommando: Michael Ballhaus und Sherry Hormann erzählen, weshalb der Kampusch-Film "3096 Tage" auf Englisch gedreht werden musste und wie man die Düsternis des Geschehens aushält.

Von Hanns-Georg Rodek
Foto: © 2013 Constantin Film Verleih GmbH/Jürgen Olczyk

Eheleute bei der Arbeit: Regisseurin Sherry Hormann und Kameramann Michael Ballhaus bei den Dreharbeiten zu „3096 Tage“
Eheleute bei der Arbeit: Regisseurin Sherry Hormann und Kameramann Michael Ballhaus bei den Dreharbeiten zu "3096 Tage"

Den Fall Kampusch zu verfilmen, war ein Himmelfahrtskommando – und Bernd Eichinger legte es Sherry Hormann ("Wüstenblume") in den Schoß. Später kam noch ein anderer dazu, der Scorsese- und Fassbinder-Kameramann Michael Ballhaus, der seine Laufbahn eigentlich schon beendet hatte. Ein Gespräch mit Ehefrau und Ehemann, die davor nie zusammen gedreht hatten.

Die Welt: Nennen Sie bitte drei Gründe, warum man diese Geschichte nicht hätte verfilmen sollen.

Sherry Hormann: Ich wusste, dass Sie Fragen stellen, auf die ich nicht vorbereitet bin.

Die Welt: Ich frage, weil im Vorfeld des Films häufig die Reaktion zu hören war: "Ach nein, so etwas muss ich mir nicht ansehen!"

Hormann: Auch ich habe instinktiv "nein" gesagt, als Bernd Eichinger mich mit dem Vorschlag anrief, ich solle den Film machen. Dann ist da der Widerwille gegen diesen Täter. Und schnell begegnen einem Vorurteile aus der Gesellschaft, die sind so dezidiert, als sei jeder ein Experte für diesen Fall. Der einzige, der von Anfang an immer gesagt hat, ich müsse diesen Film drehen, war Michael. Da stand noch nicht die Idee im Raum, er könnte dabei die Kamera führen.

Die Welt: Was gab es an Widerständen?

Hormann: Schauspieler haben sich zum Beispiel geweigert, das Drehbuch auch nur zu lesen. Umso interessanter wurde der Stoff für mich. Wir leben in einer vermeintlich offenen Gesellschaft, aber dieser Fall weckt solche Urängste in uns, dass man sich ihnen nicht stellen möchte.

Die Welt: Entführt sein, eingesperrt sein, Klaustrophobie, sexuelles Ausgeliefertsein, Hoffnungslosigkeit… Warum haben Sie Ihrer Frau trotzdem empfohlen, zu drehen?

Michael Ballhaus: Es gab einen Satz, den Natascha Kampusch gesagt hat, nachdem sie zwei Tage in dem Bunker eingesperrt war. Der Entführer hat ihr eine Geschichte vorgelesen, nun will er gehen, und da sagt sie zu ihm: "Meine Mama gibt mir immer einen Gutenachtkuss." Da dachte ich, wenn ein zehnjähriges Kind solch einen Satz sagt, besitzt es ein intuitives Gefühl dafür, dass sie sich diesem Mann nicht entgegenstellen sollte.

Hormann: Oder sich ihm stellt.

Ballhaus: Sich ihm stellt, ihn jedoch nicht bekämpft. Das war für mich der Kernsatz. Wenn sie einen derartigen Satz sagt, dachte ich, wird sie es schaffen. Ein weiterer Grund war, dass es ein ungewöhnlicher Täter war, der kein Geld erpressen oder sie vergewaltigen wollte. Er wollte sich seine Frau großziehen.

Die Welt: Wessen Film ist das? Ein Eichinger? Ein Hormann? Oder einer von Ruth Toma, die das Eichinger-Drehbuch weiter schrieb?

Hormann: Bernd hat den Rahmen vorgegeben, eine Geschichte in diesem Haus, zwischen zwei Menschen. Keinen Kriminalfall, bei dem die Polizei sucht und ermittelt. Ruth hat diesen Ansatz auf respektvolle Art fortgeführt.

Die Welt: Erinnern Sie sich an Ihre Reaktion, als Sie zum ersten Mal von dem Fall hörten?

Hormann: Ich erinnere mich. An diese Bilder von einer jungen Frau unter einer blauen Decke. Ich hatte auch das Gefühl, dass hier ein Mensch die Öffentlichkeit suchte, dem aber nicht gewachsen war. Wie sollte es auch anders sein, nachdem sie acht Jahre lang nur eine einzige Ansprechperson besaß. Ich erinnere mich auch, dass es in meinem Münchner Umfeld einige Entführungsfälle gab, als meine Tochter sieben, acht Jahre alt war. Wir haben dann als Mütter unsere Kinder gemeinsam zur Schule gebracht, weil wir Panik hatten. Das war einer der Gründe, weshalb ich diesen Film gedreht habe: Ich wollte dass unsere Kinder auf so etwas vorbereitet sind. In dem Moment, in dem ich das sage, weiß ich aber, dass dies eigentlich absurd ist.

Die Welt: Alle waren bei der Bekanntgabe der Besetzung überrascht: lauter unbekannte Namen – und gedreht wird auf Englisch.

Hormann: Wir haben erst alle geeigneten deutschsprachigen Schauspieler eingeladen, jene, die kommen wollten. Viele wollten gar nicht. Ich frage mich, warum man keine Probleme hat, einen Päderasten im "Tatort" zu spielen, oder einen Massenmörder fürs Kino, oder eine dieser Figuren aus dem Dritten Reich – und dann gibt es dieses Stigma des Wolfgang Priklopil. Die Antwort auf diese Frage war immer dieselbe: So etwas darf man nicht verfilmen.

Die Welt: Haben Sie denn nachgefragt: Weshalb darf man nicht?

Hormann: Man dürfe solchen Tätern nicht so viel Aufmerksamkeit schenken.

Die Welt: Als ob Priklopil nicht genug schon bekommen hätte.

Hormann: Und was er getan habe, sei so grauenvoll, dass man sich nicht damit auseinander setzen wolle. Das habe ich sehr oft gehört.

Die Welt: Sie haben in "Wüstenblume" auch die Beschneidungsszene inszeniert.

Hormann: Es sind dabei auch zwei Leute aus dem Team ausgestiegen. Wenn wir ein solches Thema angehen, haben wir als Filmemacher die Verantwortung, auch das ganze Geschehen zu zeigen. Aber so, dass der Zuschauer selbst empfinden darf. Ich kann ihm nicht die Interpretation im vornherein liefern.

Die Welt: Wozu Natascha Kampusch weder in Interviews, noch in ihrem Buch etwas gesagt hat, war die ihr abgezwungene Intimität.

Hormann: Es war klar, dass dies eine wesentliche Rolle würde spielen müssen. Ich habe mich an dem orientiert, wovon ich aus Eichingers Interviews mit Kampusch wusste, dass es stimmt. Sie hat das Drehbuch in der fertigen Form gelesen und hatte zwei, drei Anmerkungen, die eingeflossen sind. Sie hat den Set zweimal besucht. Und sie hat den fertigen Film gesehen. Sie hat losgelassen. Sie hat uns machen lassen. Dafür gab es eine lange Vorarbeit. Als ich sie mit meinem Produzenten Martin Moszkowicz zum ersten Mal besuchte, war es ein sehr verhaltener Beginn. Sie kam mit ihren Bildern auf mich zu, und ich hatte ein Übergepäck an Bildern für sie. Es brauchte einige Treffen, um das abzubauen. Der Höhepunkt waren sieben Stunden allein mit ihr in einem Hotelzimmer, nur sprechen. Ich durfte kein Tonband mitbringen und keine Notizen machen.

Die Welt: Wie haben Sie die kleine Amelia Pidgeon gefunden, die die junge Natascha spielt?

Hormann: Sie ist die Tochter eines Hufschmieds, und für das Casting reiste sie das erste Mal nach London. In dieser riesigen Gruppe begabter Kinder saß sie allein für sich in einer Ecke, so pummelig und verhuscht, wie sie ist. Ich habe sie anfangs unter diesen tollen Welpen, die alle posierten, überhaupt nicht wahrgenommen, bis die Casterin mich auf sie aufmerksam machte. Als ich Amelia fragte, warum sie die Rolle spielen möchte, sagte sie einfach: "Das möchte ich für Natascha tun". Dahinter steckt, glaube ich, das Vorbild Natascha, was die alles geschafft hat – natürlich ohne zu wissen, was sie wirklich erlebte. Das hat mich sehr berührt.

Die Welt: Wie hält man beim Dreh die Düsternis des Geschehens aus?

Hormann: Ich gehöre nicht zu den Filmemachern, die "Das ist mein Thema, das muss ich angehen" sagen. Ich war immer am Suchen, und ich glaube, dass ich hier an einen Kern meiner Arbeit gestoßen bin, die Kombination von Drama mit Komödiantischem. Bei "3096 Tage" ging es darum, in den Drehpausen komödiantisch zu sein, um dann wieder mit einer Leichtigkeit in die Schwere der Szenen gehen zu können.

Die Welt: Priklopil wollte keiner hierzulande spielen. Aber die ältere Natascha?

Hormann: Da gab es am Ende nur Antonia Campbell-Hughes, die uns überzeugte, auch vom Alter her. Wir haben tolle junge Mädchen in Deutschland gefunden, aber die innere Reife, solch eine Reise durchzustehen, konnte nur eine Ältere haben – die aber jünger wirkt. Sie musste in der Lage sein, Nataschas Ausgehungertsein optisch wahrhaftig zu verkörpern – und ein unbekanntes Gesicht wie ihres lässt dem Zuschauer mehr Raum für Projektionen als ein bekanntes.

Die Welt: Haben Sie den französischen Film "A moi seule" bei der vorletzten Berlinale gesehen, der von dem Kampusch-Fall inspiriert ist?

Ballhaus: Ich fand ihn langweilig fotografiert. Von dem Raum, in dem die Frau eingesperrt war, hat man kaum etwas gesehen, immer die gleichen zwei Wände. Das Gefühl des Eingesperrtseins hat sich bei mir nie eingestellt.

Die Welt: Das war eine andere Überraschung bei der Bekanntgabe des Projekts: Es sollte im Breitwandformat gedreht werden. Breitwand im engen Keller?

Ballhaus: Ich war davon überzeugt, dass das nicht möglich sei. Dann standen wir hinter der Kamera, einer Alexa, und Sherry meinte, für Breitwand müsse man nur einen Schalter umlegen. Wir sahen uns dieses Bild an und fanden beide: Das sieht ja toll aus! Auf einmal sah man die Wände und hatten ein ganz anderes Raumgefühl. Aber 3D, was Bernd Eichinger ursprünglich wollte, wäre wirklich unmöglich gewesen.

Die Welt: Macht Breitwand den Raum nicht größer als er ist?

Ballhaus: Im Gegenteil, und das war für uns beide die interessante Erfahrung: Es macht ihn kleiner, weil man die Wände sieht und nicht nur die Protagonistin.

Die Welt: Sie hatten immer auf Zelluloid gedreht, und nun sollte es plötzlich eine Digitalkamera sein.

Ballhaus: Ich habe das mit meinem Kameramann-Sohn Florian diskutiert. Die Alexa ist extrem lichtstark und hat einen unglaublichen Kontrastumfang. Man muss das Bild allerdings etwas filtern, damit es nicht so digital aussieht, nicht ganz so scharf.

Die Welt: Was hat Sie nach sechs Jahren Pensionärsdasein wieder hinter die Kamera gebracht?

Ballhaus: Das erzähle mal du.

Hormann: Nun, Martin Moszkowicz fragte mich, wen ich mir als Kameramann vorstellte. Ich hatte keine Ahnung. "Frag doch mal den Michael", schlug er vor. "Du kannst doch wenigstens mal fragen." Ich habe ihn dann daheim in der Küche gefragt, und er guckte so, wie er eben lächelnd gucken kann, und er sagte: "Das ist ja interessant!"

Ballhaus: Mich hat interessiert, wie man in solch einem kleinen Raum überhaupt Bilder machen kann. Noch interessanter war für mich der Umgang mit Dunkelheit. Manchmal sieht man in Nataschas Verlies ja fast nichts. Im Kino gibt es selten richtige Dunkelheit, das wollte ich ausprobieren. Und natürlich wollte ich gern mit Sherry arbeiten. Wobei: Vor allem ihre Freunde haben uns gewarnt: "Macht das bloß nicht! Daran geht Eure Ehe kaputt!" Ich habe Sherry gesagt, dass ich mit ihr so umgehen würde, wie mit jedem anderen Regisseur: "Ich bin der Kameramann, und du bist der Boss." Daran habe ich mich gehalten.

Die Welt: Gar keine eigenen Ideen, Vorschläge?

Ballhaus: Ich habe auf ein paar Sachen hingewiesen, die ich grundsätzlich nicht so gerne mag, zum Beispiel, dass man dauernd nur Großaufnahmen macht. Vor allem, wenn man nur zwei Schauspieler hat, ist dieses Mittel schnell abgenutzt. Damit war sie einverstanden – obwohl sie manchmal ein paar Closeups mehr wollte. Die hat sie dann auch gekriegt.

Hormann: Michael zwingt einen in den Glauben an sich selbst, mit ganz wenigen Hinweisen. Ich denke an die Waschbeckenszene, wo er mich ermutigt hat, sie einfach stehen zu lassen, den Schauspielern Raum zu geben, statt alles über Schnitte zu lösen. Das sind kleine Feinschrauben, deren Drehungen durch ihn man gar nicht so richtig mitbekommt.

Die Welt: Wenn man in einer Liste kommender Filme nachsieht, steht dort für 2014 ein neuer Martin Scorsese: "Sinatra". Und als Kameramann wird ein gewisser Michael Ballhaus genannt.

Ballhaus: Das Projekt gibt es schon lange, und es scheiterte vermutlich bisher daran, dass die Musikrechte astronomisch teuer waren. Auch wenn sich das geändert haben sollte – ich werde nicht dabei sein. "3096 Tage" war eine Ausnahme, eine sehr schöne, die mir das Gefühl gegeben hat: Du kannst es ja noch mit 77!

18.02.13 1:51 min.
Natascha Kampusch ist 10 Jahre alt, als sie 1998 von dem Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführt wird. Achteinhalb Jahre lang wird sie in einem unterirdischen Verlies gefangengehalten.
Multimedia
Kampusch-Film

"3096 Tage" in Gewalt des Entführers

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