Drama

Fast alles entspannt in Marokko

Foto: filmgalerie 451

Irene von Albertis Regie-Debüt "Tangerine" erzählt vom Aufeinandertreffen zweier Kulturen.

Tanger, Marokko: Hier verbringen der Berliner Musiker Tom (Alexander Scheer), seine Freundin Pia (Nora von Waldstätten) und Freunde entspannte Wochen, immer auf der Suche nach den legendären Jajouka- oder Jilala-Gruppen, die schon die Rolling Stones faszinierten. Selbst dass es in der Beziehung von Tom und Pia kriselt, kann die Stimmung kaum trüben. Man trinkt Tee, isst Spezialitäten, vertreibt sich die Nächte in Discos - alles easy.

Doch dann tritt die schöne Amira (Sabrina Quazani) auf den Plan. Nach einem heftigen Familienstreit lebt sie mit ein paar jungen Frauen, die als Prostituierte arbeiten, in einer Art Wohngemeinschaft. Und lernt schnell, dass ein Weg aus ihrer verfahrenen Situation, aus Armut und Ungewissheit über die Zukunft eine Beziehung zu einem westlichen Ausländer sein könnte. "Bloß keinen Spanier", rät die pragmatische Neshua (Naima Bouzid), "Schweden sind gut." Oder ein Deutscher wie Tom, der sofort fasziniert ist, als er Amira eines Nachts tanzen sieht. Ihre lockigen Haare, ihre blitzenden Augen, ihr verführerischer Hüftschwung: Vor so viel orientalischer Anmut kapituliert er gern. Zunächst ohne Pias Wissen, die sich selbst mit Amira anfreundet. Die wiederum setzt ihre "Waffen" geschickt ein, holt hier einen teuren Kaftan, dort einen Hundert-Euro-Schein heraus - und will noch viel mehr.

Mit ihrem Debüt "Tangerine" gelingt es Regisseurin Irene von Alberti ganz wunderbar, unangestrengt und pathosfrei einen Clash der Kulturen zu inszenieren, bei dem romantische Vorstellungen schnell mit den nicht ganz so romantischen Erfordernissen des täglichen Überlebens kollidieren. Da ist es dann für die naiven Deutschen schon hart zu hören "Hier gibt es nichts umsonst!" und zu realisieren, dass West-Männer vor allem wegen ihrer gut gefüllten Brieftaschen hoch im Kurs stehen.

Herausragend in einem starken Ensemble: Sabrina Quazani, die mit ihrer körperbetonten Sinnlichkeit und Unmittelbarkeit einen perfekten Kontrast zur (rollengemäß) eher blass-zurückhaltenden Nora von Waldstätten bildet. Tanger als Kulisse und der von arabischen Rhythmen durchzogene Soundtrack von Zeid Hamdan sind weitere Pfeiler dieses sehr sehenswerten Films.

++++- Tangerine D/Marokko 2008, 100 Min., ab 6 J., R: Irene von Alberti, D: Sabrina Quazani, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer, Naima Bouzid, im Zeise (OmU); www.filmgalerie451.de/film/tangerine/

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